Türchen 8: Passwege schließen gegen Spiel zwischen die Linien

Von Judah Davies

Grundsätzlicher Aufbau

Die Grundform dieser Trainingsform sieht vor, dass das rote Team versucht, einen ihrer Angreifer (linker oder rechter Flügelspieler) mit einem flachen Zuspiel zu erreichen, damit dieser eine Ablage spielen kann, die wiederum von einem der zentralen Mittelfeldspieler zum Abschluss in eines der drei Tore genutzt werden soll. Die blaue Mannschaft versucht dies zu verhindern und kann nach Ballgewinn umgehend auf alle 6 zur Verfügung stehenden Tore kontern.

Ein Treffer in eines der Zentrumstore bringt jedem der Teams 2 Punkte. Treffer in die äußeren Tore werden mit einem Punkt belohnt. Außerdem kann das rote Team mit 5 Pässen in Folge einen Punkt bekommen. Bei Blau sind dafür nach Ballgewinn 3 Pässe in Folge ausreichend.

Implizites Design

Grundformation/Ausgangsstellung

Ich habe die Ausgangsstellung so kreiert und die Anzahl der Spieler entsprechend angepasst, um am Aufbauspiel und Pressing im 4-2-3-1 zu arbeiten, welches ich mit meiner U15 aktuell verwende. Ich packte meine vorderen 4 Spieler dabei in die blaue Mannschaft, damit sie die 3-1-Struktur im Pressing verinnerlichen.

Die Viererkette arbeitet mit der Doppelsechs zusammen und lernt dabei, wie man ausgehend von einer 2-4-Struktur den Ballführenden am besten unterstützt und so viele Passoptionen wie möglich herstellt. Außerdem lernen die Wandspieler, wie sie ihre Positionierung anpassen müssen, um sich für längere vertikale oder diagonale Zuspiele anspielbar zu machen. Durch Ablagen können sie sich schnell aus der Drucksituation befreien, die sie im Spiel erwarten würde.

Punkteregelung

Beide Mannschaften bekommen Punkte für eine bestimmte Anzahl von Pässen zugesprochen, um Pressing sowie Gegenpressing einzufordern. Dadurch dass Team Rot mit lediglich 5 Pässen einen Punkt erzielen kann, ist Team Blau dazu angehalten, permanent Druck auf den Ball auszuüben. Es reicht im Rahmen des Spiels nicht aus, sich einfach zurückfallen zu lassen und die Passwege zu den Toren passiv zuzustellen.

Auf der anderen Seite reichen Team Blau selbst schon drei Pässe für einen Punkt, damit Team Rot umgehend nach Ballverlust umschaltet und versucht, den Ball so schnell wie möglich wiederzugewinnen, während sie gleichzeitig weiterhin den Weg zu den Toren blockieren müssen.

Dadurch, dass ein Treffer ins Zentrumstor mit zwei Punkten honoriert wird, bringt man einen zusätzlichen Zentrumsfokus in diese Spielform. Dadurch baut das ballbesitzende Team eher durch Zonen auf, die den Weg dorthin stets ermöglichen. Selbiges gilt für Konterangriffe von Team Blau sowie für deren Verhalten im Pressing. Auch für Team Rot gilt es nach Ballverlust, die Mitte möglichst schnell zu schließen.

Feldform und Anzahl der Tore

Das Feld ist ein kurzes und breites Rechteck. Außerdem gibt es drei Tore auf jeder Stirnseite. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem Aktionen, die den Angriffsfokus verändern, indirekt belohnt werden. Zudem werden Spielverlagerungen als taktisches Mittel geschult, indem diese implizit einen wertvollen Weg darstellen, den Ball aus Druckzonen zu bringen und neue Angriffswege in Richtung Tor zu öffnen. Ich erachte dies vor allem im Jugendbereich als sinnvoll, da dort in erster Linie das vertikale Spiel vorherrscht und häufig überhastet eingesetzt wird.

Anzahl der Spieler

Zu den drei Toren gibt es lediglich zwei Wandspieler. Dadurch sind beide dazu angehalten, nach Ballverlust in das Rechteck hinein zu verteidigen, da sie bei bloßem Zurückfallen nicht alle Tore abdecken können. Dieser Aspekt ist entscheidend, um bei den Stürmern den Instinkt zum Rückwärtspressing auszubilden.

Das Pressing-Team (blau) verteidigt in klarer Unterzahl, was eine Reihe von gewünschten Verhaltensweisen bei der Verteidigung hervorruft. Aufgrund dieser Unterzahl muss jeder Defensivspieler gegen zwei oder gar mehrere Offensivspieler verteidigen, was automatisch zu einer raumorientierteren Verteidigungsweise führt.

Die Spieler werden dazu ermutigt, Passwege zu belauern und „auf dem Sprung“ zu sein, indem sie sich zwischen möglichen Passempfängern positionieren. Sie erhalten so die Möglichkeit, mehrere Spieler bei der Ballannahme unter Druck zu setzen, können gleichzeitig aber auch Pässe abfangen und so Zweikämpfe bereits im Vorhinein verhindern.

Zusätzlich zum Belauern der Passwege im Mittelfeld, müssen die blauen Spieler Pässe zu den Wandspielern in ihrem Rücken verhindern. Dies hat zur Folge, dass sie ständig ihre Position anpassen müssen, um die ideale Balance zwischen Pressing auf den Ball und Abdecken der Passoptionen hinter ihnen zu finden. Hierfür ist die Nutzung von Deckungsschatten unerlässlich.

Wie bereits erläutert, zwingt das Punktesystem Team Blau dazu, ständig Zugriff zu erzeugen. Gleichzeitig bleibt es jedoch die Prämisse, das Vorwärtsspiel des Gegners zu unterbinden. Für diesen gibt es schlichtweg mehr Punkte zu holen, wenn er stets die Tore attackieren kann.

Somit muss das Pressing-Team erst abwarten bis alle nötigen Passwege blockiert sind oder zumindest belauert werden, ehe der ballführende Spieler unter Druck gesetzt wird. Ansonsten riskieren sie es, mit wenigen Pässen komplett ausgespielt zu werden.

Durch den Fokus auf mehrere Passoptionen vonseiten des blauen Teams, wird es für Team Rot besonders wichtig, ideale Abstände zueinander zu finden und nicht zu nah aufzulaufen. Durch das Vergrößern der Abstände wird jeder Passweg breiter und kann schwerer verteidigt werden.

Coachingpunkte

Während das implizite Übungsdesign die meisten der oben genannten Verhaltensweisen provoziert, können explizite Coachingpunkte die Aufmerksamkeit der Spieler zusätzlich auf gewisse Aspekte lenken, die für den Erfolg innerhalb der Spielform von großer Bedeutung sind. Die Verbindung von expliziten Instruktionen und implizitem Design verstärkt die gewünschten Effekte in hohem Maße.

Für Team Rot

Unterstützende Positionierungen und Bewegungen

Für Team Rot ist es am wichtigsten zu lernen, wie man sich bewegen muss, um so viele Passoptionen wie möglich zu kreieren und somit den Ballführenden zu unterstützen. Kurzum: Die Auswirkung der eigenen Positionsfindung auf die Sicherung des Ballbesitzes innerhalb der Teamstruktur zu begreifen.

Befindet sich der Torhüter in Ballbesitz, ist es wichtig, dass ich Innen- und Außenverteidiger voneinander lösen. Wenn die Innenverteidiger tief bleiben und die Außenverteidiger hochschieben, kann der Flügelspieler von Team Blau nicht mehr beide Passwege abdecken, wodurch mindestens eine einfach Passoption entsteht.

In meinem Coaching habe ich hier vor allem die Wichtigkeit der Rautenbildung bei eigenem Ballbesitz betont. Wenn ein Innenverteidiger den Ball hat, können Außenverteidiger, ballnaher zentraler Mittelfeldspieler und ballnaher Wandspieler eine Raute herstellen und dem Mitspieler somit drei Optionen zur Spielfortsetzung in Richtung der gegnerischen Tore geben.

Eine entscheidende Phase, in der das Team seine Unterstützung anbieten muss, kommt vor, wenn der Außenverteidiger sich in Ballbesitz befindet. Vor allem, wenn es darum geht, wie man sich aus dem Druck befreien kann, wenn die direkte Vorwärtsoption vom Flügel in Richtung Zentrum zugestellt ist.

Der ballnahe Innenverteidiger muss eine Rückpassoption anbieten, indem er sich so weit und so breit wie möglich zurückfallen lässt. Diese Bewegung führt erneut dazu, dass der blaue Stürmer nicht zwei Passwege, namentlich zu den beiden Innenverteidigern, auf einmal zustellen kann. Team Rot kann einen Rückpass spielen und erneut aufbauen.

Durch das Versperren des Passes zum Wandspieler, kann Team Blau effektiv die ursprüngliche Raute des Ballbesitzteams kappen. Die Positionierung und Bewegung der Mittelfeldspieler wird dann entscheidend, um eine neue nutzbare Raute herzustellen, mithilfe derer man sich aus der Drucksituation befreien und den Ballbesitz sichern kann.

Bewegt sich der ballnahe zentrale Mittelfeldspieler nach vorne, so öffnet er den (diagonalen) Passweg zu seinem Mittelfeldpartner, der das Spiel schnell auf die andere Seite verlagern kann. Des Weiteren erlaubt diese Bewegung es dem ballnahen zentralen Mittelfeldspieler, sich selbst für einen Vorwärtspass anzubieten und so den Zehner von Team Blau in eine tiefere Position zu ziehen.

Entscheidungsfindung im Passspiel

Dadurch dass ein Treffer ins mittlere Tor die meisten Punkte einbringt, sollte man das Ballbesitzteam daran erinnern, sich unabhängig von der genauen Richtung des Passes stets darauf zu konzentrieren zentrale Passwege zu öffnen. Zu Beginn hat dies zur Folge, dass der jeweilige Ballführende sich zunächst in Hinblick auf den weitestmöglichen Pass durch die Mitte (zu einem der Wandspieler) orientiert.

Selbst wenn der Pass nach außen situativ die beste Option darstellen sollte, so sollten sich die Spieler dennoch darauf fokussieren, welche Auswirkungen ein solcher auf die Passwege im Zentrum hat.

Wie im Abschnitt zum impliziten Design ausgeführt, orientiert sich Team Blau primär an den Passwegen, bevor sie aus der Antizipation heraus Zugriff auf einen einzelnen Spieler oder den Ball als solchen erzeugen. Jeder Verteidiger muss sich effektiv um mehrere Spieler kümmern.

Für Team Rot bedeutet dies in vielerlei Fällen, dass der Ballführende Raum und Zeit zur Verfügung hat sowie mehr als nur eine potentielle Passoption. Team Rot kann demnach zu Passfinten ermuntert werden, um die Verteidiger zu manipulieren und die Passwege zu vergrößern.

Zwei dieser Finten, die ich oft einbringe, sind Täuschungen mithilfe von Augen und der Körperstellung sowie das Antäuschen von Pässen, bei dem der Ballführende kurz vor dem Kontakt mit dem Ball abstoppt. Dadurch können Gegenspieler frühzeitig aus ihrer Position gelockt und andere Passwege geöffnet werden.

Umschaltverhalten defensiv

Wie ebenfalls im Abschnitt zum impliziten Design angesprochen, müssen zwei Wandspieler nach Ballverlust drei Tore verteidigen. Wenn sie in ihren Positionen verharren, verringert sich ihre Chance, den Gegner am Tore schießen zu hindern dramatisch. Je näher sie sich zum Ball befindet, desto größer wird ihr Deckungsschatten. Dementsprechend sollten sie dazu ermutigt werden sich in die Wege zwischen Ball und den beiden nächsten zu begeben, während sie mit zurückarbeiten, um Druck zu erzeugen.

Für Team Blau

Defensivverhalten

Die wohl wichtigste Fähigkeit, die das blaue Team im Laufe der Trainingsform erlernt, ist die Orientierung an Passwegen. Vor, während und nach jedem Zuspiel vonseiten des Gegners, müssen die Pressingspieler sich über ihre Position in Bezug auf den Gegner im Klaren sein. Zusätzlich müssen stets Möglichkeiten, die Ballzirkulation von Team Rot zu unterbinden oder in günstige Bereiche zu leiten gesucht und gefunden werden.

Team Blau kann darin gelehrt werden, die passenden Zeitabschnitte für ihre Orientierung innerhalb der Position und anhand des Gegners zu finden. Vermutlich ist ein idealer Moment hierfür, wenn der Ball sich von einem gegnerischen Verteidiger zum nächsten bewegt. In diesen Phasen kontrolliert kein Gegenspieler den Ball und der Ballempfänger ist zuallererst damit beschäftigt, den Ball unter Kontrolle zu bringen.

Ein Beispiel, wie diese Orientierung in der Praxis aussieht, liefert Napolis Lorenzo Insigne:

Nach Ballgewinn wird Team Blau naturgemäß versuchen, so schnell wie möglich in eines der Tore zu treffen. Dabei ist es jedoch wichtig, sie immer wieder daran zu erinnern, dass auch 3 Pässe in Folge für einen Punkt reichen. Reagiert der Gegner durch schnelles und frühzeitiges Blocken der Tore, sollte Team Blau darauf gecoacht werden, den Ball innerhalb des Feldes in ihren Reihen zu halten.

Man sollte betonen, dass das Passspiel in diesem Fall dem Zweck dient, den Gegner herauszulocken und potentiell Passwege zu den Toren zu öffnen. Um den Effekt jedes einzelnen Passes auf die Struktur des Gegners zu erkennen, muss das Spielfeld ständig unter ständiger Bereitschaft, eine Aktion in Richtung Tor zu starten, gescannt werden.

Variationen

Kein Torhüter

Die Trainingsform kann ohne einen Torhüter durchgeführt werden, um das Aufbauspiel in höheren Zonen zu simulieren, wo ein Rückpass zum Torhüter weniger realistisch ist. Ohne den Torhüter muss die Viererkette ihre Positionierung sowohl in Ballbesitz als auch nach Ballverlust noch häufiger anpassen. Dies kann bei ihnen zu einem besseren Verständnis von Bewegungen im Aufbauspiel führen

Grunformation(en) anpassen

Obwohl diese konkrete Spielform für das 4-2-3-1 erstellt wurde, lässt sie sich für verschiedene Formationen anpassen. Außerdem galt der Fokus in dieser Version sowohl dem Pressing als auch dem Aufbauspiel im 4-2-3-1. Man kann jedoch auch die Struktur eines der Teams konkret an den Gegner anpassen.

Die Grafik zeigt ein Beispiel, wie der Aufbau im 4-3-3 gegen eine Grundformation mit zwei Stürmern simuliert werden kann.

Punkteregelung erweitern

Das Punktesystem kann gemäß spezieller Ziele angepasst werden. Beispielsweise kann ein Punkt für erfolgreiche Pässe zu einem der Mittelfeldspieler vergeben werden, falls entweder das Pressing-Team die Mitte nicht gut genug schließt oder das Ballbesitz-Team diese nicht ausreichend bespielt.

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