Konzeptfussball

Fussball mit Konzept

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Türchen 5: Leiten des Gegners im Pressing und Zugriffszeitpunkt

Von Eduard Schmidt

Auch wenn – und da verrate ich nicht zu viel – in unserem Adventskalender grundsätzlich eher Themen überwiegen, die den eigenen Ballbesitz in den Vordergrund stellen oder gar die komplexe Verbindung mehrerer Spielphasen im Blick haben, sollte das Spiel gegen den Ball nicht vernachlässigt werden. Insbesondere neu übernommenen Mannschaften, die möglicherweise gerade in einer Krise stecken, kann man damit oft schnell ein solides Grundgerüst mit auf den Weg geben.

Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass man als Trainer erst einmal bis zum Abwinken nur 4-4-2-Mittelfeldpressing übt und alles andere komplett ausblendet. Stabilität kann auch aus dem Bewusstsein erwachsen, dass man dazu in der Lage ist, jeden Gegner aggressiv anzulaufen und so vor Probleme zu stellen. Durch die erzwungenen Ballverluste und idealerweise sauber eingefahrenen Ballgewinne kommt man selbst häufiger in Ballbesitz und kann gegebenenfalls auch noch vielversprechende Umschaltmomente generieren.

Ein entscheidendes Ziel sollte hier aber eben darin liegen, dass das Pressing über das Abspulen von Abläufen hinausgeht und die Spieler so trainiert werden, dass sie flexibel auf die jeweilige Situation reagieren können, individuell passende Entscheidungen treffen und diese gruppen- und mannschaftstaktisch gut kommunizieren/abstimmen.

Ein wichtiger Bestandteil dessen ist eben das Leiten des Gegners im Pressing. Grob kann man hier zunächst zwischen zwei Varianten unterscheiden, die sich danach orientieren, wohin der Gegner gedrängt werden soll: entweder nach innen oder nach außen.

Unter „Innen“ kann man hierbei sowohl den Halbraum oder zentrale Räume („Sechserraum“) meinen. Im nachfolgenden Video gibt es ein paar Szenen meiner zuletzt selbst trainierten Mannschaft dazu:

Auch für das Leiten nach Außen zunächst ein Beispiel:

In den nachfolgenden Spielformen soll nun trainiert, wie das Pressing je nach gewählter Variante aussehen sollte und wann die jeweilige Variante zu wählen ist. Hierfür sind ganz allgemein auch erst einmal einige zusätzliche individuelle Richtlinien zu beachten, die stets gecoacht werden können. Diese Auswahl lässt sich noch erweitern (v.a. mit ganz grundlegenden Pressingtriggern wie „schlechter erster Kontakt“) und stellt eher gewisse von mir fokussierte Aspekte heraus:

– Körperposition des ballbesitzenden Spielers lesen: Wenn das Anspiel auf den Innenverteidiger im Spielaufbau beispielsweise schon erfolgt ist und er nach dem nächsten Pass sucht, kann man häufig beobachten, dass er sich schon leicht in eine Richtung dreht, meist zum Außenverteidiger. Mit einem Pass dorthin ist erst einmal zu rechnen. Das macht die Antizipation einfacher. Auch unmittelbar anlaufende Spieler können die Körperposition nutzen, indem sie den ballführenden Gegner in die bestehende Dynamik hineinzwingen und es ihm unmöglich machen, gegen diese anzuspielen.

– Manipulation voraussehen: Nun spielt aber nicht jeder Spieler einfach dahin, wo er sich hingedreht hat. Manch ein Trainer gibt seinen Schützlingen gar ganz explizit mit, sie sollen dies vermeiden. Löst man sich als Pressingspieler in unserem Beispiel etwa zu früh in Richtung Außenverteidiger, öffnet man schlichtweg das Zentrum für den Innenverteidiger, der einen denkbar einfach aus dem Spiel nehmen kann. Das Ganze lässt sich analog auch für Dribblings anwenden. Um sich nicht manipulieren zu lassen, ist zudem von unreflektierter Manndeckung abzusehen.

– „Der Druck am Ball determiniert das kollektive Verhalten“: Für diesen Satz wurde Domenico Tedesco vor einiger Zeit ein wenig belächelt. Das „kollektiv“ kann man eigentlich auch weglassen oder durch „individuell“ ersetzen. Daraus ergibt sich schließlich in der Summe von Reaktionen Kollektivität. In unserem Beispiel ist das Verhalten des Spielers, der auf den Außenverteidiger pressen möchte, noch davon abhängig, was ein eventuell bereits anlaufender Mitspieler macht. Übt er schon unmittelbar Druck aus und lenkt den Innenverteidiger nach außen, während er einen Teil des Zentrums mit seinem Deckungsschatten abdeckt, kann man als nächster Pressingspieler weiter nach außen gehen, als wenn er bloß den horizontalen Pass abdeckt oder gar nicht erst anläuft, noch zu weit weg vom Innenverteidiger weg ist etc. Für weiter hinten befindliche Spieler wird in diesem Kontext vor allem die Unterscheidung zwischen „offenem“ (kein Druck, kontrollierter langer Ball möglich) und „geschlossenem“ Ball (gar kein langer Ball oder nur unkontrollierter Schlag möglich) wichtig.

– Körperposition des Ballempfängers lesen: Ein guter Moment für aggressives Pressing ist es natürlich immer, wenn ein Gegenspieler sich mit dem Rücken zum Tor befindet oder den Ball auf außen nicht so nach vorne mitnimmt, dass eine unmittelbare Spielfortsetzung möglich ist. Basierend darauf kann man dann auch eine entsprechende Option offenlassen und aus größerer Distanz anlaufen.

– „Dazukommen“, Absichern oder „Zocken“: Von einer Mischung der zuvor erwähnten Faktoren ist es dann schließlich abhängig, ob es sinnvoll ist, eine Überzahl zu kreieren. Diese ist an sich stets das Ziel. Ein 2 gegen 1 ist salopp gesagt einfach besser als ein 1 gegen 1. Aber wenn ich in ein 1 gegen 1 gehe, das entweder ohnehin schon fast gewonnen ist oder von dem ich viel zu weit weg bin, stehe ich für die nächste Aktionen nicht zur Verfügung.

Nachfolgend sollen diese Aspekte nun kollektiver angewendet werden, was letztlich zu einem Leiten in vielversprechende Situationen führt. Hierfür habe ich zwei ähnliche Spielformen im 6 gegen 7 gewählt, in welchen zusätzlich ein Torhüter eingebunden ist. Die Pressingmannschaft ist hier jeweils in Unterzahl, um eine raumorientierte Spielweise zu provozieren.

Die nötige Spielerzahl sollte den meisten Trainern stets zur Verfügung stehen. Ich habe sie während der Wintersaison auf einem überdachten Feld durchgeführt, das etwa einem Viertelplatz entsprach. Jedoch sollte tendenziell ein größerer Raum, etwa ein halbes Großfeld, verwendet werden.

Variante 1

Das Feld ist grob in 3 Zonen eingeteilt. Die Mittelzone ist dabei deutlich kürzer als die beiden äußeren Bereiche, die zusätzlich durch eine vertikale Linie in zwei Hälften unterteilt sind. Außerdem gibt es noch schmale äußere Korridore. Je nach Verfügbarkeit wird ein Jugendtor sowie ein Großfeldtor mit Torhüter genutzt.

Das Spiel startet mit dem Aufbauteam vor dem Jugendtor. Die beiden Innenverteidiger sowie der Sechser positionieren sich in der ersten Zone gegen drei Pressingspieler. Zusätzlich hat die ballbesitzende Mannschaft zwei Außenverteidiger in den Korridoren außerhalb des eigentlichen Feldes. In der Mittelzone befinden sich ausschließlich drei Spieler der verteidigenden Mannschaft. In der fernsten Zone stehen zwei Spieler der angreifenden Mannschaft einem Torhüter gegenüber.

Ziel für die Ballbesitzmannschaft ist es, zu einem dieser beiden Spieler zu passen (zunächst nur am Boden möglich). Anschließend entsteht ein freies Spiel, bei dem ein Tor erzielt werden soll. Erfolgte das Zuspiel in die ferne Zone durch das Zentrum, zählt der Treffer doppelt. Bei Zuspiel über einen der Außenverteidiger gibt es nur einen Punkt. Erfolgt ein Zuspiel nach außen, kann jeweils einer der drei Mittelfeldspieler der verteidigenden Mannschaft auf dieses herausrücken.

Außerdem ist es einem von ihnen stets erlaubt, in die vordere Zone aufzurücken. Ein Zurückfallen in die hintere Zone ist demgegenüber erst möglich, wenn der Ball dorthin gespielt wird. Hier kann und soll stattdessen auch der Torwart wie ein Libero agieren. Später lässt sich diese Regel jedoch auch so anpassen, dass jeweils ein Mittelfeldspieler die Zone verlassen darf (ganz gleich, ob nach vorne oder hinten). Nach Zuspiel zum Außenverteidiger ist grundsätzlich auch ein Absichern in der eigenen Hälfte erlaubt.

Das Pressingteam möchte wiederum nach Ballgewinn im freien Spiel zum Abschluss auf das Tor ohne Torhüter kommen. Erfolgt der Ballgewinn mithilfe eines abgefangenen Passes, zählt das Tor doppelt. Alle Tore nach anderen Ballgewinnen geben einen Punkt.

Die verschiedenen Zonen sollen in dieser Form vor allem der Orientierung dienen, die idealerweise für eine saubere Positionsverteilung und Struktur im Pressing sorgt. Durch die Regeln werden vor allem das Leiten sowie das Spiel ins Zentrum belohnt. Hier kann ein 2 gegen 1 erzeugt werden, indem der nächste Mittelfeldspieler gemeinsam mit dem Stürmer oder einem der Flügelspieler presst.

Bei gleichzeitigem Anlaufen von Flügelspieler und Stürmer auf den Innenverteidiger kann zudem ein flacher Pass durch den Halbraum provoziert werden, der eine gute Aussicht auf direktes Abfangen durch einen der Mittelfeldspieler bietet.

Doch auch ein Leiten nach außen kann durchaus sinnvoll sein, etwa wenn der zentrale Mittelfeldspieler Probleme im Zugriff auf den Sechser hat oder der Weg, um den Außenverteidiger abzuschneiden situativ einfach zu weit ist. Dann ließe sich zunächst das Zentrum versperren. Bei Anspiel nach außen könnten der ballnahe Flügelspieler sowie der ballnahe Mittelfeldspieler Zugriff erzeugen.

Durch die ständige Gefahr von Gegenspielern in ihrem Rücken, ist eine intensive Spielweise quasi durchgehend nötig – vor allem wenn später noch hohe Pässe erlaubt werden. Kein Pressing ist keine Lösung. Die Anpassung desselben schon.

Variante 2

Der Aufbau bleibt in vielen Aspekten derselbe. Die Mittelzone wird jedoch zu einem Quadrat umgewandelt, das vom Sechser der Ballbesitzmannschaft besetzt wird. Dieser kann sich jedoch auch in die anderen Bereiche des Feldes bewegen. Entsprechend sind die drei Mittefeldspieler nun nicht mehr in einer abgetrennten Zone positioniert, sondern spielen zunächst im 3 gegen 2 mit den höheren Spielern der Ballbesitzmannschaft. Der Torwart startet nun mit der Ballbesitzmannschaft, die versucht in eine Endzone zu gelangen.

Die Spieler der verteidigenden Mannschaft bleiben zunächst grundsätzlich in ihrer zugeteilten Hälfte des Feldes, können diese Position jedoch bei entsprechendem Zuspiel ins Zentrum oder in eine der Flügelzonen verlassen, um Zugriff zu erzeugen.

Da es keinen besonderen Punkteregelungen mehr gibt und jedes Tor bzw. Eindringen in die Endzone (nur bei Ballkontrolle) mit einem Punkt belohnt wird, ergibt sich hier eine Situation, die gleichfalls Leiten nach außen und innen sinnvoll macht. Anhand der individuellen Coachingpunkte müssen die Spieler sich nun jeweils für eine passende Lösung entscheiden.

Insbesondere ist hier auf die numerischen Verhältnisse, die durch den Sechser erzeugt werden, zu achten. Rückt er vor, so ergibt sich ein 3 gegen 3 in der höheren Zone. Ein aggressives Herausrücken im Zentrum ist für die verteidigende Mannschaft kaum mehr möglich.

Zusätzlich kommt es auf die Positionierung der Außenspieler der Ballbesitzmannschaft an. Eine höhere Positionierung macht das frühzeitige Spiel nach außen weniger einfach, weshalb man genau dies möglicherweise forcieren möchte.

Eine besondere Herausforderung würde etwa auch die hohe Positionierung beider Außenspieler sowie des Sechsers darstellen. Hier müsste der ballnahe Flügelspieler gemeinsam mit dem Stürmer hoch auf die Innenverteidiger sowie den Torwart anlaufen, der ballferne Spieler, deckt das Zentrum und erzeugt eine Art Raute.

Selbst nach Überspielen des ersten Anlaufens, ließen sich so noch schnell vier Spieler hinter den Ball bringen. Im Vergleich zur vorherigen Form wird die Sicherung der Räume im Rücken explizit wichtiger. Die Spieler müssen dies in ihrer Entscheidungsfindung beachten.

Fazit

In einer nächsten Stufe würde ich grundsätzlich noch die Außenverteidiger mit ins Spiel bringen und nur noch die Innenverteidiger weglassen, was für bessere Pressingsituationen auf außen sorgen sollte. Je nachdem, wie gut das Pressing schon funktioniert, können dann neun bis zehn Feldspieler beim Gegner aufgeboten werden. Es bietet sich das Verteidigen von drei oder vier Minitoren auf der Mittellinie an. Gewisse Zonen können abgesteckt werden. Jedoch ist auch ein freies Spiel von Aufbau gegen Pressing möglich.

Mit den Verteidigern und Sechsern würde ich in der eigenen Hälfte zudem noch das Verteidigen von langen Bällen trainieren, etwa zunächst im 6 gegen 4, später im 8 gegen 7. Am Ende kann dann ein größeres Spiel folgen (etwa auch einfach länger in der nächsten Einheit), das alle Aspekte in sich vereint.

Im Detail gibt es enorm viele Anpassungsmöglichkeiten. Als Trainer kann man irgendwann dann auch mal ein paar spezifische Abläufe erläutern, die entweder von den Spielern selbst noch nicht ausgeführt werden, oder zu einem bestimmten Gegner oder einer allgemein verbreiteten Spielweise passen. Dafür lassen sich aber natürlich auch weitere spezifische Spielformen kreieren.

Was jedoch aus dem Training mitgenommen werden soll: Jeder Spieler muss die Wichtigkeit seiner eigenen Aktionen erkennen und wie sie mit jenen anderer Spieler zusammenhängen. Daraus ergibt sich dann ein größeres Pressingsystem, bei dem die Spieler eben auch selbst entscheiden können, wohin ein Gegner gelenkt werden soll.