Türchen 4: Mit umgedrehten Toren spielen

Von Yiannis Tsalatsidis

Warum umgedrehte Tore? Tore haben nehmen den größten Einfluss auf das Verhalten der Spieler. Die Positionierung der Tore in dieser Trainingsform lenkt die Aufmerksamkeit beider Teams schlagartig ins Zentrum des Feldes. Da die beiden Tore zusätzlich sehr nah beieinanderstehen, muss noch viel mehr als üblich auf die Bewusstheit in den Aktionen geachtet werden. Jede Entscheidung in dieser Spielform muss sinnvoll sein, ansonsten kann man unmittelbar für auftretende Fehler bestraft werden.

Grundregeln

Die Mannschaft in Ballbesitz hat es zur Aufgabe, den Gegner zu desorganisieren und in eines der beiden Tore zu treffen. Dies kann zu jedem Zeitpunkt geschehen. Je nach Fokus der jeweiligen Einheit, kann das verteidigende Team nach Ballgewinn entweder seinerseits sofort einen Treffer erzielen oder wird darin geschult, zunächst den Ballbesitz zu sichern und muss eine gewisse Passanzahl erreichen, bevor ein Abschluss erfolgen kann.

Alternative Kriterien, nach denen Punkte vergeben werden können, sind zum Beispiel: Festgelegte Anzahl an Pässen erzielen, den Ball zwischen den beiden Toren hindurchspielen (Pass oder Dribbling) oder den Ball von einer bestimmten Zone in eine andere bringen. Das zwingt die Spieler dazu, Raumdeuter zu werden und ständig nach der besten Positionierung und Orientierung auf dem Feld zu suchen. Verteidigen unter diesen Bedingungen erfordert zudem ein stets hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Normalerweise bereite ich die Minitore schon vor, führe aber zunächst eine Reihe von kleinen Rondos oder Positionsspielen durch, bevor es an Spiele mit umgedrehten Toren geht. Die Einführung dieser ruft umgehend eine erhöhte Wettkampfbereitschaft bei den Spielern hervor. Ich habe begonnen, diese Trainingsform zu nutzen, damit die Spieler häufiger vorausschauend denken und handeln.

Wenn wir uns das Design der Übung anschauen, können wir eine Reihe grundlegender impliziter Aspekte hervorheben:

  • Täuschen des Gegners durch verschiedene Finten
  • Zentrumsspieler einbinden
  • Der Ball als Mittel, um Verteidiger zu manipulieren
  • Passen zum Anlocken des Gegners
  • Vorausschauendes Verteidigungsverhalten
  • Nutzung des Deckunsschattens

Es folgen einige Beispiele, wie man diese grundlegende Spielidee von der Mikro- zur Makroebene für verschiedene Altersstufen anpassen kann, während folgende 4 Aspekte im Ballbesitz besondere Wichtigkeit genießen:

  • Ballsicherung
  • Passen, ohne dass der Ball abgefangen wird
  • Passoptionen schaffen
  • Die Deckung des Gegners verringern

1 gegen 1 auf umgedrehte Tore

4+ Jahre

In diesem Alter stehen die Ballsicherung sowie das Täuschen des Gegners durch Finten und Richtungswechsel im Vordergrund. Kreative Wege sich vom Gegenspieler zu lösen, sollten vom Trainer entsprechend demonstriert und von den Spielern aufgenommen werden, etwa den Gegenspieler auszubremsen und anschließend Tempo und Richtung zu wechseln. Im Anschluss sollen die Spieler ihre eigenen Lösungen finden.

Anstatt lediglich Hütchen aufzustellen und die Kinder ohne jeden Gegnerdruck mit dem Ball herumlaufen zu lassen, werden sie hier mit einer realistischen Spielsituation konfrontiert, in der sie das Dribbling, das Abschirmen des Balls sowie verschiedene Abkappbewegungen sinnvoll samt ihrer Funktion im Spielgeschehen lernen können.

Bereits im Alter von nur 4 Jahren können wir damit beginnen, intelligente Verhaltensweisen bei den Kindern zu provozieren. „Wenn Tor X geblockt wird, wohin gehst du dann am besten? Und wenn der Gegenspieler dich zu dem anderen Tor verfolgt, wie kannst du ihn dann loswerden?“

Die Spieler beginnen damit, ihre eigenen Lösungen zu entwickeln, um den Gegner aus der Balance zu bringen und sich letztlich von ihm zu lösen, während sie gleichzeitig die Wichtigkeit der individuellen Ballsicherung erleben.

Eine weitere einfache Frage, die man fortwährend bei der Durchführung stellen kann, ist: „Wo ist das freie Tor?“, „Kannst du den Verteidiger zu einem Tor ziehen und in das andere schießen?“. Die Spieler lernen damit implizit bereits, dass der Ball ein Mittel zum Zweck ist, den Gegenspieler zu manipulieren. An dieses Prinzip schließen viele Aktivitäten in der Zukunft an, was das Schaffen dieser Grundlage unerlässlich macht.

Mögliche Variationen: 1 gegen 1 gegen 1, 1 gegen 1 plus 1, 2 gegen 2 oder verschiedene 1 gegen 1-Duelle zur selben Zeit spielen lassen, um ein zusätzliches Störelement einzubringen. Der Trainer kann den Spielern zum Beispiel auch Nummern zuweisen und diese nacheinander für die Duelle aufrufen. Es lassen sich weiterhin auch „Bomben“ (Hütchen mit aufliegendem Ball) auf dem Spielfeld verteilen, um ein zusätzliches Hindernis zu schaffen, an dem die Spieler vorbeikommen müssen. „Explodiert“ die „Bombe“, so verliert der verantwortliche Spieler einen Punkt.

5 gegen 3 mit Mittellinie auf umgedrehte Tore

Regel: Das angreifende Team kann auf der jeweiligen Hälfte einen Spieler mehr haben als die Verteidiger.

9+ Jahre

Ein entscheidender Fokus in dieser Altersgruppe ist das Passen, ohne dass der Ball abgefangen wird. Mit jedem Pass soll eine klare Botschaft zum Empfänger sowie an das gesamte Team gesendet werden. Beispielsweise sagt ein Pass in den Raum etwas vollkommen anderes als ein Zuspiel in den Fuß. Wir wollen, dass die ballentfernten Spieler erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf sowie eine Beziehung zu ihren Mitspielern und den Verteidigern aufbauen, indem sie Passoptionen schaffen.

Es geht darum, dass wir uns einen positionellen oder dynamischen Vorteil schaffen und dabei den ballbesitzenden Spieler und seine Position respektieren. Ein weiteres wichtiges Konzept ist es, den Spielern nahezubringen, wie sie den jeweiligen Mitspielern unterstützen, ohne dass sie auf ihn auflaufen. Die Spieler sollen durch ihre eigenen Aktionen stets bereit sein, einen Pass zum freien Mitspieler anzubringen – etwa durch entsprechende Körperposition, Aktionsgeschwindigkeit, Blickfeld et cetera.

Bei dieser Spielform lässt sich vor allem mit Fragen wie „Welche Hinweise gibt es, ob wir zum Ball kommen sollten oder uns von ihm wegbewegen müssen?“, „In welchem Raum wollen wir spielen? In welchen Raum wollen wir laufen?“. Kurze Hinweise auf die offene Stellung oder die Orientierung im Raum genießen eine ähnliche Wichtigkeit: „Wie kann ich mich hinstellen, um so schnell wie möglich nach vorne zu spielen?“, „Wie kannst du deinen Körper drehen, wenn der Ball von Spieler X zu Spieler Y wandert?“, „Positioniert euren Körper so, dass ihr entweder selbst so schnell wie möglich ein Tor erzielen könnt oder zu einem Mitspieler passen könnt, der dies so schnell wie möglich tun kann“

4v4+1 mit umgedrehten Toren

Regel: Die Ballbesitzmannschaft muss einen Spieler in jeder Zone des Feldes haben.

12+ Jahre

Die grundliegende Idee dahinter, die Deckung des Gegners zu verringern, ist es Raum zwischen den Gegenspielern zu schaffen und dort den Ball zu erhalten, ohne dass er abgefangen wird und ohne dass man unmittelbar unter Druck steht. Richtlinien in Ballbesitz wie „Positioniere dich so weit entfernt wie möglich und so nah wie nötig“ erzeugen Entscheidungskrisen für die verteidigende Mannschaft.

Die Verteidiger werden in schwierige Situationen gebracht, in denen sie zwischen der Deckung des Raumes um den Ball oder des Gegenspielers schwanken. Eine weitere Methode, um die Deckung des Gegners zu verringern, ist es, dass Spieler, die selbst nicht in einer Position oder in einer schlechten Position sind, um den Ball zu empfangen, ihre Mitspieler in besserer Position unterstützen. Zum Beispiel sollten sie die Passwege zu diesen nicht zustellen oder gegenläufige Bewegungen ausführen, um weitere Gegenspieler wegzuziehen oder neue Passmöglichkeiten zu schaffen.

Die Regel, dass ein Spieler in jeder der vier Zonen sein muss, zwingt die Spieler dazu, ihren eigenen Raum in Abgrenzung zum Raum der Mit- und Gegenspieler wahrzunehmen. Aus jeder Zone heraus müssen die Mitspieler unterstützt werden. Gleichzeitig ist es wichtig dabei zu erkennen, wann ein Zonenwechsel angebracht sein kann. Am wichtigsten bleibt jedoch, dass jeder Spieler lernt, sich selbst Raum zu verschaffen und sich vom Gegenspieler zu lösen.

Die Idee ist es, die Gegenspieler anzulocken und deren Wahrnehmung auf sich zu ziehen, um einen Mitspieler oder einen Raum für diesen zu „befreien“. Die Bewegungen sollen dabei so effizient wie möglich sein. Die Spieler müssen verstehen, wie der Gegner auf eine etwaige Bewegung reagiert.

Ein Weg, mit den Spielern ins Gespräch zu kommen, kann es sein während der Pause zwischen zwei Durchgängen ein typisches Fehlerbild nachzustellen und zu fragen: „Wie lässt sich in dieser Situation ein Spieler befreien?“, „Wie kann deine Bewegung einen Gegner binden und dafür einen Mitspieler öffnen?“, „Zeig mir, wie du das machen würdest“, „In welchem Moment sollte das passieren? Wie und warum?“

Weitere mögliche Anpassungen

Das Hinzufügen von Toren außerhalb des Feldes kann dafür genutzt werden, um gewisse Verhaltensweisen in Umschaltsituationen wie etwa Gegenpressing oder Antizipation zum Vorwärtsverteidigen anzudeuten.

Durch die Nutzung von Hütchentoren statt Minitoren kann der Fluss innerhalb der Spielform erhöht werden.
Man sollte dabei auch mit verschiedenen Feldformen, Feldgrößen, Spieleranzahlen und Provokationsregeln experimentieren, um die Entscheidungsfindung der Spieler herauszufordern. Ich habe jüngst zum Beispiel damit begonnen vestibuläre Beschränkungen einzuführen: Die Spieler sollten etwa schnell mit ihren Augen blinken oder abwechselnd ein Auge schließen.

Ein Spielfeld mit diagonalen Ecken ruft ebenfalls bestimmte Verhaltensweisen hervor, während es andere beschränkt. In einem Sechseck sind Spieler beispielsweise implizit dazu angehalten, nach einem horizontalen oder vertikalen Pass diagonal zu spielen. Die spitz zulaufenden Ecken machen es deutlich schwerer, den Ball intentionslos im Kreis laufen zu lassen. Solche Beschränkungen sprechen anstelle des Trainers und schulen die Spieler darauf, in engen Räumen zurechtzukommen.

Die Anspannung kann während dieser Spielform ziemlich groß sein. Die Spieler werden anfangs versuchen, gewisse Spielzüge zu erzwingen und dabei in Konflikte miteinander geraten. Deshalb braucht es bei der Durchführung eine gute Portion Geduld, hilfreiche explizite Instruktionen und Provokationsfragen von Seiten des Coaches. All dies wird im Laufe der Zeit zu immer bewussteren Aktionen in Ballbesitz sowie gegen den Ball führen.

“Im Training geht es darum, die Spielsituationen und die Wege, sie darzustellen, so viel wie möglich zu variieren, damit es den Spielern nicht langweilig wird. Die Aufgaben verfolgen alle dasselbe Ziel, aber mit 2 oder 3 Provokationsregeln wird die Wahrnehmung ein bisschen durcheinander gebracht“ – Julian Nagelsmann

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