Türchen 22: Dynamische Raumbesetzung im Zentrum

Von Eduard Schmidt

Obwohl der Titel des gestrigen Beitrags „Gegendynamik“ lautete und der erste Teil des Wortes heute fehlt, handelt es sich um ein komplementäres Thema. Dynamische Besetzung des Zentrums kann gegendynamisch erfolgen. Klingt kompliziert und unsinnig. Ist aber durchaus so.

Denn es geht hier um verschiedene Dynamiken. Die Zentrumsbesetzung bezieht sich erst mal vor allem auf die eigene Mannschaft und wie deren Struktur sich in einem bestimmten Moment gestaltet. Man räumt etwa gewisse Zonen auf dem Feld, um diese dann anschließend zuzulaufen und schlussendlich zu besetzen.

Die Gegendynamik bezieht sich demgegenüber eher darauf, wie der Gegner auf Momente wie diesen reagiert. Geht er eine Bewegung einfach mit oder wird von ihr in bestimmter Weise angelockt, dann kann man sich die Gegendynamik zunutze machen. Reagiert er kaum bis gar nicht auf eine Bewegung oder in einer Weise, die die Effektivität einer solchen kaum bis gar nicht einschränkt, so bleibt eine Aktion in die vorhandene Dynamik möglich.

Das Wort „dynamisch“ in Bezug auf die Zentrumsbesetzung hat darüber hinaus erst mal auch einen anderen Kontext – den zeitlichen. Es stellt das Gegenstück zu „statisch“ in dem Sinne dar, dass einer oder mehrere Spieler eben nicht konstant eine Zone besetzen, sondern dies wechselnd und immer nur kurzzeitig tun.

Überträgt man diese Funktionsweise dann ganz konsequent auf das gesamte Spiel, so würde sich kaum mehr eine feste Struktur ergeben. Dies würde wiederum voraussetzen, dass jeder Spieler an quasi jeder Stelle des Spielfeldes über ausreichende Fähigkeiten verfügt, um auftretende Situationen zu lösen. Das war wohl in der Praxis am ehesten der Fall, als Barcelona einst das 3-7-0 auspackte.

Bei den meisten Mannschaften sieht es demgegenüber eher so aus, dass beispielsweise verschiedenen Spielern (über die Grundformation) Zonen zugeordnet sind, in denen sie sich bewegen. Das geschieht dann im Kontext der Positionen von Mitspielern sowie je nachdem, wo sich im Zusammenspiel der Faktoren ein freier Raum ergibt.

Es ließe sich vereinfachend davon reden, dass jede Mannschaft in ihrer Grundausrichtung ein wechselndes Verhältnis von eher statischen und „freien“ Spielern hat. Wo sich die „freien“ Spieler und grundsätzlich offenen Räume innerhalb der Formation befinden, bestimmt welche Zonen am ehesten dynamisch genutzt werden und welche immer besetzt bleiben. Letzteres zeigte sich wiederum eindrücklich an den Aufgaben von Flügelspielern bei Pep Guardiola, die in verschiedenen Phasen seiner Karriere stets die Breite halten sollten.

Ein typisches Beispiel für dynamische Besetzung wäre es bei einem 4-3-3 den zunächst offenen Zehnerraum aufzufüllen. Dies kann entweder der zentrale Stürmer zurückfallend bewerkstelligen, einer der Flügelspieler könnte einrückend agieren oder einer der Achter rückt auf. Als Trainer könnte man hier grundsätzlich festlegen, welche dieser Spieler für die Raumbesetzung verantwortlich sind. Dies kann klar ein Spieler sein oder einfach alle (Vorgabe zum Beispiel: Maximal einer bis zwei Spieler im Zehnerraum).

Weiterhin sind spezifische Situationsvorgaben möglich wie: „Ballferner Flügelspieler oder ballferner Achter besetzen Zehnerraum bei Ball am Flügel“, „Stürmer lässt sich bei Ball im Zentrum zurückfallen“ etc. Nicht zuletzt ist all dies natürlich von den zur Verfügung stehenden Spielertypen abhängig, die gemäß ihren allgemeinen Tendenzen automatisch zu solchen Bewegungsmustern neigen oder nicht.

Es wäre wenig sinnvoll einem Tempo-Dribbler, der idealerweise große Räume für sein Spiel benötigt, wiederholt in den Zehnerraum einrücken zu lassen. Das wird er von sich aus auch kaum machen. Spätestens bei knappen Spielen wird er in alte Verhaltens- und Bewegungsmuster zurückfallen und so gerade im wichtigsten Moment die Spielweise der eigenen Mannschaft verändern. Nicht zuletzt aufgrund solcher Faktoren ist die sorgsame Wahl von passenden Spielerrollen essentiell.

Das Zentrum (die inneren Halbräume eingeschlossen) wird als entscheidende Zone ausgemacht, da von hier aus die Handlungsmöglichkeiten am größten sind. Besetzt man etwa den Flügel dynamisch mit einem Lauf nach außen, so geht die Blickrichtung zur Seitenlinie und es ist erst eine Drehung zum Tor nötig, die jedoch häufig gar nicht möglich ist. Den Flügel kann man auch gar nicht mit Orientierung nach innen dynamisch besetzen – außer man startet die Aktion auf einer der Bänke oder der Tribüne.

Im Zentrum kann man den Ball vom Flügel kommend demgegenüber einerseits mit Blick nach innen annehmen, andererseits auch mit Blick nach außen immer noch eine sinnvolle Fortsetzungsmöglichkeit (im Halbraum/Flügel) haben, ohne entgegen der Laufrichtung drehen zu müssen. Das wäre aber genauso weiterhin möglich.

Nachfolgend befasse ich mich, hier wiederum anschließend an das Thema der „Gegendynamik“ und die Spielweise von Holstein Kiel unter Tim Walter, mit dem bewussten Öffnen des Sechserraums. Die Viererkette wird hierbei in ihrer Positionsfindung als komplett „frei“ verstanden und soll jenen offen gelassenen Raum besetzen.

https://vimeo.com/307883242

Doppeltes 4 gegen 3 durch Mittelzone

Das Feld wird in zwei Strafräume als äußere Zonen und eine Mittelzone zwischen ihnen eingeteilt. Zusätzlich wird beidseitig eine Bahn am Flügel markiert. Diese gehört in der Mittelzone nicht zum Spielfeld und kann entsprechend nur in den Außenzonen besetzt werden.

Der Ball startet mit einem der Torhüter, der das Spiel gemeinsam mit vier seiner eigenen Spieler gegen drei Spieler der anderen Mannschaft in der ersten Zone beginnt. In der gegenüberliegenden Zone stehen sich andererseits drei Angreifer vier Verteidigern gegenüber. Um in sie zu gelangen, muss durch die Mittelzone gespielt werden. Diese kann auf verschiedene Art und Weise besetzt werden – daher die vielen Pfeile in der Grafik.

Maximal zwei Spieler der ballbesitzenden Mannschaft dürfen sich in der Mittelzone befinden. Erst wenn der Ball auch dorthin gespielt wird, darf ein Verteidiger aus der entfernten Zone Druck ausüben. Fällt ein Spieler der Ballbesitzmannschaft aus der entfernten Zone zurück, so darf einer der Spieler aus der Aufbauzone bis ganz nach vorne schieben. Üblicherweise ist das einer der äußeren Spieler, der durch die Mittelzone läuft, ohne außerhalb des genutzten Spielfelds zu stoppen. Es darf sich immer nur ein Spieler der Ballbesitzmannschaft am Flügel befinden.

Dringt die Ballbesitzmannschaft in die letzte Zone ein, kann hier maximal ein 5 gegen 4 erzeugt und der Angriff abgeschlossen werden. Gewinnt die verteidigende Mannschaft den Ball, ergibt sich ein freies Spiel.

Training im mannschaftlichen Kontext

Nach der Durchführung von Spielformen wie der zuvor beschriebenen, bietet sich das Training in größeren Rahmen an. Um eine hohe Zahl an Wiederholungen zu gewährleisten, startet der Ball stets mit der Aufbaumannschaft. Diese befindet sich in der eigenen Hälfte in einer 7 gegen 6-Überzahl und hat zusätzlich den Torhüter zur Verfügung.

Dahinter befindet sich eine weitere Zone, in der ein 3 gegen 4 besteht. Die letzte markierte Linie dient als Abseitslinie. Die Aufbaumannschaft darf im Laufe des Spiels beliebig viele Spieler in diese Zone vorschieben. Die verteidigende Mannschaft darf zunächst lediglich beliebig Spieler zurückziehen. Später sollte ein komplett freies Verteidigen erlaubt werden, bei dem jedoch weiterhin die Abseitslinie beachtet werden muss.

Beide Mannschaften dürfen auf beliebige Art und Weise Tore erzielen. Nach einem Ballgewinn entsteht automatisch ein freies Spiel. Tore im Konter geben zwei Punkte.

Entscheidend ist jedoch die zentrale Zone in der eigenen Hälfte der ballbesitzenden Mannschaft. Wird erfolgreich durch sie gespielt, ohne dass der Gegner den Ball berührt, bekommt die Ballbesitzmannschaft einen Punkt. Erzielt sie anschließend noch ein Tor, ohne dass die andere Mannschaft zwischendurch den Ball erobert, addieren sich drei Punkte dazu, insgesamt also vier Punkte. Alle anderen Tore zählen einfach.

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