Türchen 22: “Verknüpfte Rondos” oder “Zonenpositionsspiele”

Von Martin Rafelt

Ich möchte mein Kalendertürchen einer Art von Übung widmen, die ich aus zweierlei Gründen für elemntar halte: Zum einen ist das meines Erachtens der bessere, spielnähere Entwurf zu Passübungen. Zum anderen eignen sich derartige Übungen gut, um eine Grundstruktur im Ballbesitz zu etablieren und dabei das intuitive Verständnis für Positionsspiel zu schulen.

Es geht um „verknüpfte Rondos“ oder von mir aus „Zonenpositionsspiele“, wie auch immer man es nennen möchte. Es geht darum, mehrere Überzahlstrukturen in abgesteckten Zonen miteinander zu verknüpfen. Also beispielsweise ein 3v1 im ersten Streifen, dann ein 3v2 im zweiten Streifen, dann ein dritter Streifen mit 2v2 oder sogar 2v3 und zwei Passtoren oder auch einem richtigen Tor.

In diesem Beispiel würde die ballbesitzende Mannschaft fix in einem 3-3-2 aufbauen, also der zentralen Struktur eines 3-5-2-Systems. Durch die zonalen Beschränkungen wird die Mannschaft zu einer positionellen Grundstruktur gezwungen und dazu gebracht, durch Passspiel innerhalb dieser Struktur den Ball zu halten.

Ablauf und Variationen

Die exakte Gestaltung der Zonen und der numerischen Verhältnisse, sowie die sonstigen Regeln kann man viel variieren. Man kann in einzelnen Zonen Kontaktbegrenzungen nutzen, man kann bestimmten Spielern erlauben, zwischen mehreren Zonen zu pendeln oder sich frei zu bewegen. Man kann nicht nur horizontale Streifen nutzen, sondern auch vertikale oder diagonale Spuren.

Auch die Gestaltung der Spielziele ist flexibel und nicht so entscheidend. Ich gestalte es gerne so, dass eine Mannschaft auf Passtore und die andere auf ein großes Tor spielt. Ein nettes Element ist meines Erachtens, das Tor (oder die Tore) der Unterzahlmannschaft weit hinter der ersten Zone zu platzieren, damit die Mannschaft beim Konter auch tief spielen kann und die Verteidiger dementsprechend auch (spielnah) den Raum in ihrem Rücken kontrollieren müssen.

Bei Ballverlust des Überzahlteams werden die Zonengrenzen aufgehoben, um das Gegenpressing und Umschalten zu intensivieren. Man kann mit verschiedenen Maßnahmen den Fokus auf das Umschalten noch verstärken. Kontertore an den Seiten sind möglich oder auch ein leeres Tor außerhalb des Feldes, sodass die Überzahlmannschaft wirklich sofort umschalten muss, um den Schuss ins leere Tor zu unterbinden.

Als Passübung

Wegen des zunächst geringen Gegnerdrucks eignet sich dieser Aufbau gut, um Grundlagen des Passspiels zu trainieren. Wegen der permanenten Überzahl sind Dribblings nie notwendig und die Positionsfindung ist sehr leicht. So geht es nur darum, die Ballzirkulation handwerklich sauber zu gestalten.

Man kann in diesem Setup alle Details des Aufbau-Passspiels coachen: Die Körperstellung vor und nach der Annahme, die Wahl des richtigen Fußes bei der Annahme, die Richtung des ersten Kontakts, die Vororientierung, den Blick in die Tiefe oder die Diagonale, die technische Durchführung des Passes, das Coaching untereinander (Dreh, Klatsch, Richtungen, etc.) und auch das grundlegende Verhalten im Raum in Relation zur Position und dem Gegenspieler.

Im Gegnsatz zu normalen Rondos hat man dabei eine spielnahe Struktur und eine Tororientierung. Mit Fortschreiten der Zonen erhöht sich der Gegnerdruck, so wie im Spiel. So bekommt der Spieler ein implizites Verständnis für die Notwendigkeit und Wirkung von weiträumiger Ballzirkulation als Vorbereitung des Spiels in die engeren Angriffsstrukturen.

Im Gegensatz zu Passübungen wiederum bekommt der Spieler ein direktes Feedback über die Qualität seiner Aktionen und begreift direkt die Notwendigkeit sauberer Ausführung, hat spielnahe Orientierungspunkte bei der Durchführung der Aktion und somit ein besseres Lernen. Diese Vorteile ergeben sich, ohne dass die Übung dadurch schlechter zu coachen ist oder die zu coachenden Aspekte weniger klar herausgestellt werden können.

Außerdem werden dem Lernprozess positionsspezifische Details hinzugefügt und man bringt nicht einem Mittelstürmer bei, wie das Passspiel eines Innenverteidigers funktioniert. (Wenn man das aber gerne tun will, kann man ja die Positionen entsprechend variieren.)

Grundlagen für kollektives Positionsspiel

Was implizit und fast unweigerlich in diesem Setup vermittelt wird, ist die Funktionsweise des juego de posicion. Wegen der Begrenzung durch die Zonen und die Aufteilung innerhalb der Zonen ist es beinahe unmöglich für die Spieler, die Positionsstruktur bzw. Raumaufteilung übermäßig zu beschädigen. Das passiert in freieren Spielen häufig, weil sich die Spieler der ballbesitzenden Mannschaft zu viel Richtung Ball bewegt.

Wenn man mit wechselnder Überzahl spielt (also etwa 4v4+2), kommen Mehrfachumschaltsituationen dazu, wodurch enge Spielertrauben entstehen. Das vermeidet man in diesem Setup, hat aber trotzdem kurzzeitige Engensituationen und Umschaltsituationen (mit Torrichtung).

Durch die große Überzahl kommt in der Anfangsphase einer solchen Übung die ballbesitzende Mannschaft – bei handwerklich ausreichend guter Durchführung – normalerweise kaum unter Druck, weshalb die ballfernen Spieler nicht mit dem (ineffektiven) Reflex reagieren, zum Ball zu laufen, um den gestressten Spielern zu „helfen“.

Stattdessen kommt die Mannschaft erst einmal in eine Ballzirkulation herein. Dadurch bekommen die ballfernen Spieler das Gefühl dafür, dass der Ball schon zu ihnen kommt, auch wenn sie auf ihn warten. Sie erfahren Situationen, in denen sie scheinbar aus dem Spiel sind, nach einer Passstaffette dann aber wieder ins Spiel kommen und dadurch dann viel Raum haben.

Steigerung von Freiheitsgraden, Gegnerdruck und Komplexität

So kann man mit rudimentärem Gegnerdruck die Grundlagen schaffen, um dann mit mehr Gegenspielern und noch spielnäheren Strukturen am Feinschliff zu arbeiten und das Niveau zu heben. Dafür kann man das Spiel in mehreren Aspekten erweitern und öffnen: Mehr Freiheiten für die Defensivspieler führen dazu, dass die Ballbesitzmannschaft sich flexibler und tiefer in die Struktur hinein orientieren müssen. Zudem bekommen dadurch die tieferen Anspielstationen mehr Freiheiten und müssen ihre Position entsprechend anpassen und mit den ballnäheren Spielern koordinieren.

Zudem kann man die Struktur für das 11-gegen-11 nach und nach integrieren. Im Beispiel des 3-3-2 kann man anschließend die Flügelläufer implementieren in den Bereichen seitlich der bisherigen Zonen. Man kann auch beispielsweise für ein 4-1-2-3 erst einmal im 2-1-2 gegen 1-1-1 (oder 2-1) beginnen, dann erweitern auf ein 2-1-4-1 gegen ein 2-3-1 mit mehr Freiheiten in der Offensive, anschließend im 4-1-2-3 gegen ein 4-3-1 oder 4-3-2 spielen und dann ins 11-gegen-11 gehen.

So kann man den Spielern auf implizite Art und Weise nach und nach die Funktionsweise und Struktur des Systems näherbringen. Sobald sie den „Kern“ der Formation beherrschen, kann man erweitern und dadurch Schritt für Schritt die Orientierung innerhalb des Systems kreieren.

Als strukturspezifische Orientierungs- und Entscheidungsübung

Dadurch erreicht man (zumindest näherungsweise), dass im richtigen Moment der richtige Pass gespielt wird: Erst wenn der Gegner ausreichend viele Spieler ins Zentrum zieht, spielt man nach außen. Sobald sich gegnerische Defensivspieler nach vorne orientieren, überspielt man sie vertikal.

Wenn der Gegner außen Überzahl herstellen kann, sucht man die Verlagerung. Die Logik hinter diesen Passentscheidungen und die „Hierarchie“ der Optionsmöglichkeiten kann durch diese stufenweise Steigerung erreicht werden, wenn man die Stufen passend wählt und die Optionen entsprechend coacht.

Dazu gehört, dass man den Spielern möglichst effektive „Reads“ mitgibt, in welchen Situationen sie sich in welche Richtung zu orientieren haben. Die Struktur erleichtert, solche Reads klar zu strukturieren und Situationen zu schaffen, in denen diese sauber verständlich und effektiv anwendbar sind. Bei optimaler Planung entstehen diese Orientierungswechsel sogar automatisch, ohne explizites Coaching; das Coaching wird aber erforderlich, wenn sich Fehler häufen.

Ein Beispiel im folgenden für eine asymmetrische Aufbaustruktur über rechts, der rote Stürmer und die beiden ballnahen blauen Spieler dürfen in beide angrenzende Zonen:

Wenn Zehner und Stürmer die Verlagerungsmöglichkeiten schließen und der Flügelstürmer mannorientiert mitgeht, öffnet sich der Halbraum (hierbei muss man eventuell Vorstoßen mit Ball erlauben), dann soll der Stürmer zurückfallen und ist die entsprechende Anspielstation:

Wenn der Zehner (oder Achter, je nachdem) stattdessen den vertikalen Raum schließt, öffnet sich der Pass auf den Sechser:

Wenn nun der nächste Mittelfeldspieler noch weiter schiebt und diese Option auch noch schließt, wird die Verlagerung notwendig, sodass sich der Spieler horizontal orientieren und dabei weit schauen sollte:

Wenn man nun dem verteidigenden Stürmer beispielsweise auch noch die Mittelfeldzone „freigibt“, dann wird es zusätzlich noch die Situation geben, dass dieser den Sechser zustellt und dementsprechend der Pass über den zentralen Innenverteidiger notwendig wird.

Meines Erachtens ist die Schulung dieser strukturspezifischen Orientierung und Entscheidungsfindung für die Funktionalität eines Systems ganz entscheidend und wohl der häufigste Fehler im Aufbauspiel, solange die Positionsstruktur funktioniert: Spieler erkennen zu spät, dass sie ihre Richtung ändern müssen bzw. wo der aktuell korrekte Zielraum ist. Diese Fähigkeit wird hier zum einen individuell geschult, zudem kann man das Verständnis der Positionsstruktur verbessern und auf dieser Basis die verbale Kommunikation zwischen den Spielern.

So sollte die Mannschaft deutlich besser darin werden, unabhängig vom gegnerischen Pressingverhalten flexibel den freien Spieler zu finden, und das Spiel im richtigen Moment (!) nach vorne zu entwickeln. Auch für die Offensivspieler wird dann im weiteren Angriffsverlauf klarer, wann es Sinn ergibt, den Angriff noch einmal abzubrechen, und was hingegen Signale dafür sind, dass man einen Angriff effizient durchbringen kann.

Ausbau bis zum 11-gegen-11

Der Grund, weshalb solch ein Überzahlspiel spielnahe Aufbausituationen simuliert – die ja in Gleichzahl stattfinden – ist die fehlende Tiefe: Im 11-gegen-11 muss der Gegner ja die Stürmer tornah verteidigen, also die Tiefe sichern. Das fällt in diesen Strukturspielformen weg, dafür hat der Gegner aber Unterzahl. (Man muss dabei natürlich aufpassen, dass man realistische Konstellationen wählt, die dann auch tatsächlich spielähnliche Situationen erzeugen.)

Man kann die Struktur und Denkweise dieser Spielformen dementsprechend bis ins 11-gegen-11 erweitern, muss dann aber am Ende Tiefe hinzufügen. Sobald Tiefe dazukommt, kann man jedoch nur noch schwerlich Horizontalstreifen verwenden, sondern muss dann mit vertikalen Spuren arbeiten. (Die kann man jedoch auch so modifizieren, dass sie diagonal zum Tor ausgerichtet sind.)

Bei guter Vorarbeit in den Spielformen, sollte die Mannschaft dann in der Lage sein, im 11-gegen-11 die richtigen Momente zu erkennen, um in die Tiefe zu spielen: Der zuvor aufgebaute Fokus sorgt dafür, dass immer wieder innerhalb der Struktur freie Spieler erzeugt und angespielt werden; diese sollten erst wegfallen, sobald der Gegner sich dann zu einer Bewegung nach vorne verleiten lässt. Dies ist der perfekte Moment für den Pass in die Tiefe.

Implizit sorgt man also dafür, dass man maximal viele Gegenspieler bindet, bevor man das Tor attackiert; gleichzeitig provoziert man den Gegner permanent, die Tiefensicherung aufzugeben, um eben Zugriff innerhalb des Blocks zu erzeugen. Dadurch kreiert man die Tororientierung als letztes, allerdings im Optimalfall sehr effizient und trotzdem auch quantitativ häufig.

Einbindung im Training

Die ursprüngliche Variante dieses Zonenspiels eignet sich meines Erachtens gut als zweite Aufwärmübung nach einem engen, wenig intensiven Rondo; es ist ja nicht mehr als ein Rondo in puncto individueller Belastung, allerdings würde man größere Abstände wählen. Mit dem Ausbau der Freiheitsgrade kann man nach und nach die Intensität steigern. Auch kann man durch Coaching herbeiführen, dass die Defensive zunächst eher teilaktiv, später sehr intensiv anläuft.

Eine größere, freiere Variante lässt sich auch gut als Hauptteil verwenden oder als Teil vor dem Abschlussspiel, um schon einmal auf bestimmte taktische Aspekte vorzubereiten und die Struktur im Abschlussspiel zu verbessern. Insgesamt lässt sich dieser Aufbau also sehr flexibel anpassen und nutzen.

Zuletzt möchte ich noch einmal unterstreichen, dass es mir hier nicht um die beiden konkreten Beispiele geht, die ich gebracht habe, sondern um die grundsätzliche Idee dahinter. Man wird keinen besonderen Trainingserfolg erzielen, indem man halt genau diese Beispiele nachahmt, sondern man muss den Aufbau gut an die eigene Vorstellung und die zu trainierenden Inhalte anpassen. Wenn man die Zonen zu groß oder zu klein macht, die Besetzung der Zonen misslingt, im Coaching Fehler passieren oder man zu langsam oder zu schnell die Übung erweitert, so kann dieser Übungsaufbau auch konfus oder ineffektiv werden. Dann ist ein freieres Spielen wohl empfehlenswert.

Um diese Übung richtig gut hinzubekommen, muss man zunächst den eigenen Fußball sehr gut verstanden haben und möglichst auch eine wirklich gut funktionierende Aufbaustruktur im Petto haben. Das wiederum ist natürlich generell sehr empfehlenswert.

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