Türchen 20: Aggressives Umschalten von Defensive auf Offensive

Von Yiannis Tsalatsidis, Trainerausbilder in Kanada, Direktor des “Regional EXCEL” (REX) Centres von Saskatchewan Soccer

Im Folgenden stelle ich eine chaotische Trainingseinheit vor, die ich designt habe, um die Intensität von Konzentration und Entscheidungsfindung der Spieler, mit denen ich aktuell arbeite lerne, zu fördern und zu verbessern.

Die Übung entstand aus dem Wunsch ein aggressiveres, vertikaleres, aber allen voran bewussteres Umschaltspiel auf den Platz zu bringen und den Lernprozess für die Spieler dabei so schwer wie möglich zu gestalten.

Dabei sollte bewusst gemacht werden, dass „so schwer wie möglich“ im konkreten Kontext heißt, dass man die richtige Balance bei der Komplexität finden muss, indem man die Entscheidungsfindung der Spieler innerhalb der Rahmenbedingungen der Trainingsform überlädt.

Gleichzeitig soll das Übereinanderlegen mehrerer verschiedener Bedingungen so viele grundlegende Verhaltensweisen innerhalb unserer angestrebten Spielweise simulieren wie möglich.

Es sollte hierbei angemerkt werden, dass die Trainingsform einige Unterbrechungen (Stop-Start) beinhaltet – insbesondere zu Beginn der Durchführung, wenn die Spieler sich noch daran gewöhnen.

Gerade zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass der Trainer Selbstvertrauen, Ruhe und Energie vermittelt/ausstrahlt, um positive Verhaltensweisen innerhalb des anfänglichen Chaos hervorzuheben und zu belohnen. So kommt mit der Zeit ein Fluss in die Übung.

Selbst wenn die Spielform sich in vollem Gange befindet bleibt sie von extremer Intensität innerhalb einer kurzen Spielzeit geprägt. Diese beträgt etwa zwischen 5 und 20 Sekunden.

Die Trainingsform gibt den Spielern die Möglichkeit, die Grenze zwischen Risiko/Schwierigkeit und Belohnung/Möglichkeit auszuloten, was eine gute Voraussetzung für das Durchführen in konzentriertem Zustand darstellt.

Es kann gut sein, dass sich nur ein paar bilderbuchmäßige Umschaltmomente ergeben, bei denen alles „Klick macht“. Der Lern- und Leistungseffekt bei einer Übung wie dieser tritt typischerweise verspätet ein.

Das ist auch genauso vorgesehen, weshalb der Trainer nach der Durchführung aktiv zu einer Reflexion anleiten sollte. Die Spieler können sich dabei an „Highlights“ der Übung erinnern oder sich diese innerlich vorstellen: Wie sieht „Erfolg“ im Rahmen der Spielform aus und wie fühlt er sich an?

Umschalt-Achteck

Die zwei grundlegenden Prinzipien, die ich im Rahmen von Provokationsregeln nachfolgend hervorheben möchte sind: Mentales Umschalten von Verteidigung auf Angriff und Spiel durchs Zentrum beim offensiven Umschalten.

Prinzip: “Mentales Umschalten”

  • Innerhalb eines Achtecks gibt es zwei Endzonen, die durch eine Mittelzone voneinander getrennt sind. An den Stirnseiten gibt es jeweils zwei Minitore. Zu Beginn sind alle Spieler auf ihre jeweilige Zone festgelegt. Das Spiel startet im 4 (plus Zielspieler zwischen den beiden Minitoren) gegen 3 Verteidiger. Seitlich neben den Endzonen sollten ausreichend Ersatzbälle bereitgehalten werden. Das Ziel für die angreifende Mannschaft ist es, einen Treffer auf eines der Minitore zu erzielen. Hierfür muss der Zielspieler allerdings zuvor den Ball berührt haben, was nur funktioniert, wenn entsprechend ein Passweg freigezogen wird.
  • Die Endzonen werden in drei Bahnen geteilt. Jeder Verteidiger darf zunächst nur in seiner jeweiligen Bahn agieren. Sie darf erst verlassen werden, nachdem der Ball erobert wurde und ein Konter in Richtung ihres eigenen Zielspielers gestartet wird.
  • Innerhalb der Mittelzone hat lediglich das verteidigende Team einen Spieler, der Umschaltmomente antizipieren muss und kurzzeitig im 1 gegen 0 spielen kann. In der gegenüberliegenden Endzone gibt es dann weiterhin ein 1 gegen 1 plus Zielspieler, das die zuvor verteidigende Mannschaft nach Balleroberung nutzen kann.
  • Falls die drei Verteidiger den Ball gewinnen, in die gegenüberliegende Endzone durchspielen und einen Treffer erzielen, starten sie in der nächsten Runde mit dem Ball im 4+1 gegen 3.
  • Die Spieler sind selbst dafür verantwortlich, die jeweiligen Zonen im Umschaltmoment korrekt zu besetzen. Hierbei gelten die folgenden Grundsätze: 1. Maximal drei Verteidiger in einer Endzone, 2. Maximal vier Angreifer in einer Endzone, 3. Ein Spieler der verteidigenden Mannschaft muss die Mittelzone besetzen, 4. Immer 1 gegen 1 plus Zielspieler in der gegenüberliegenden Endzone
  • Im Falle doppelten Umschaltens (Gegenkonter) ergibt sich ein freies Spiel mit freier Zonenbesetzung bis ein Tor erzielt wird oder der Ball ins Aus geht. Dann wird wieder aus der ursprünglichen Situation gestartet (Ballbesitzwechsel bei Torerfolg der verteidigenden Mannschaft).

“Creativity is the art of combining a little idea, with another little idea, you may have another little idea, and so on… in the end maybe a great idea will come up”

Serge Bloch – French Illustrator

Das Design der Spielform ist dahingehend reichhaltig, dass verschiedenartige taktische Konzepte und Situationen zusammengeführt werden:

Prinzip “Spiel durchs Zentrum beim offensiven Umschalten”

  • Wie zuvor, allerdings ohne Minitore. Letzte Linie des Feldes dient als Abseitslinie. Dahinter ist an beiden Stirnseiten ein Tor mit Torhüter aufgebaut, auf das nach Zuspiel ein Abschluss erfolgen soll.

Coachingpunkte aus der Praxis ableiten

Anstatt meine eigenen (vermutlich in irgendeiner Art limitierten) Details zu den beiden Prinzipien zu nennen, fordere ich die Leser dazu heraus, sich nachfolgendes Video anzuschauen und daraus eigene Punkte abzuleiten:

Das Video sollte an mehreren Stellen angehalten und folgende Aspekte beleuchtet werden: Welche Intentionen (Orientierung) fallen im Umschaltmoment auf? Welche Aktionen rufen vor, während und nach dem Umschaltmoment Neugier hervor? Was fällt ins Auge – vor dem Ball, hinter dem Ball?

Weitere Fragen, für die ein Stoppen der Clips erforderlich ist: Was ist der Referenzpunkt für die Bewegung der Spieler? Warum ist es wichtig, den Ball beim Umschalten so schnell wie möglich ins Zentrum zu bringen? Falls das nicht möglich ist: Warum? Und was sollte abseits des Balles geschehen, damit dort Raum geöffnet wird?

Dabei sollte weiterhin vor allem auf das Timing der Aktionen von Verteidigern des Gegners (an der letzten Linie) geachtet werden: Warum bewegen sie sich und was wäre der optimale Zeitpunkt hierfür? Welche Daumenregeln kann man ableiten, um hier optimale Verhaltensweisen in Training und Spiel hervorzurufen?

Und anschließend ein Blick zurück auf die Trainingsformen: Wie können die aus den Fragen abgeleiteten Aspekte in der vorgestellten Übung vermittelt werden?

Übersicht: Methodisches Vorgehen beim Trainieren der Prinzipien

  1. Beziehung zum Prinzip vermitteln und herstellen
  2. Intentionalität fördern und hervorrufen
  3. Bestimmtheit im Handeln erzeugen

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