Türchen 15: Verhältnis zwischen Über- und Unterzahl

von Samuel Momo Akhondi

Theoretischer Hintergrund

 

Ich hatte in den letzten Jahren die Ehre auf mehreren Trainerfortbildungen – sowie auf der Ausbildung zum Elite-Junioren-Trainer – Theorie und Praxis vorzutragen.

Oft ging es bei diesen Vorträgen um die Vor- und Nachteile des Positionsspieles. Es wurden die Überlegenheiten – oder „Superiorities“ – besprochen und das Feedback der Trainer dazu eingeholt. Fast alle Trainer konnten sich mit einem bestimmten Prinzip identifizieren:

„Numerische Überlegenheit“

Die numerische Überlegenheit spielt bei vielen Trainern eine wichtige Rolle. Die meisten Trainer mit denen ich gesprochen habe, nutzen diese Zahlenspiele als Grundstein für ihre Matchpläne und versuchen sowohl im Angriff, als auch in der Verteidigung eine numerische Überlegenheit gegen den Gegner herzustellen.

Das Trainerteam eines österreichischen Bundesligisten erklärte mir sogar bis ins kleinste Detail wie im Matchplan vorgesehen war, dass am Flügel – ca. auf Höhe der Eckfahne – eine 3 gegen 2 Überlegenheit hergestellt wird. Dies gelang zwar, jedoch konnten „trotz“ numerischer Überlegenheit keinerlei Durchbrüche erzielt werden.

Das Konzept der numerischen Überlegenheit als offensives Mittel ist im heutigen Fußball schlichtweg überschätzt. Nicht selten sieht man, dass Mannschaft B trotz Unterzahl im Zentrum Mannschaft A recht locker verteidigen kann. Trotzdem wird vor und nach dem Spiel immer wieder die Wichtigkeit der Überzahl für die Offensive thematisiert. Beispielsweise wenn ein klassisches 4-4-2 mit flacher Doppelsechs auf ein 4-2-3-1 oder 4-1-4-1 trifft. Die numerische Überlegenheit garantiert per se garantiert keinen erfolgreichen Angriff. Den Beweis hierfür stellen die klassischen Über-/Unterzahl Spielformen dar. In einem klassischen 5 gegen 3, beziehungsweise noch eindrucksvoller im 7 gegen 5, bei dem auf expliziten Input von außen verzichtet wird, kann sich schnell ein Spiel entwickeln in dem die drei Verteidiger die Kontrolle übernehmen und die Angreifer schnell in der Sackgasse landen. Das passiert, wenn die Verteidiger durch geschicktes Wählen ihrer Abstände und kluger Nutzung von Deckungsschatten die positionelle Dominanz erlangen können. Ich stelle darauf basierend folgende erste These für das Offensivspiel auf:

positionelle Überlegenheit > numerische Überlegenheit

Das Spiel besteht jedoch nicht nur aus der Offensivphase. Der Grund weshalb das Konzept der numerischen Überlegenheit nach wie vor großer Beliebtheit erfreut ist, dass es in einer anderen Spielphase von entscheidender Bedeutung sein kann, wenn man zahlenmäßig im Vorteil ist. Geht der Ball erstmal verloren, ist es von entscheidender Bedeutung mit wie vielen Spielern man in die Defensivphase geht. Greift man also im 5 gegen 3 bzw. 7 gegen 5 an, dann passiert es oft, dass man im Angriff durch die reinen Zahlenspiele keinen Vorteil hat, bei Ballverlust jedoch besser auf die Defensivphase vorbereitet ist. Vor allem Mannschaften die sich auf das Gegenpressing bei Ballverlust spezialisiert haben, sind auf die numerische Überzahl gegen den Ball angewiesen. Nicht selten sprechen diese Mannschaften auch von „Überzahl in Ballnähe“ im Spiel gegen den Ball. Und nachdem die Spielphasen ineinander übergehen, ist eine numerische Überlegenheit mit dem Ball im Moment des Ballverlustes von entscheidender Bedeutung, möchte man im defensiven Umschaltmoment ins Gegenpressing gehen. Darauf basierend stellen wir unsere zweite These auf:

die numerische Überlegenheit spielt in der Defensivphase bzw. im defensiven Umschaltmoment eine wichtigere Rolle

An dieser Stelle möchten wir jedoch auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass numerische Überlegenheit im Offensivspiel keine Rolle spielen. Einen Konter mit 5 Spielern gegen eine 2-Mann-Restverteidigung zu spielen ist sicherlich erfolgsversprechender als ein Konter im 2 gegen 2. Das steht außer Frage. Die um Einiges entscheidendere Frage – eine Frage die ich auch allen Aus/Fortbildungsteilnehmern gestellt habe – wie oft greift man in Überzahl an? Nicht besonders oft. Ganz im Gegenteil: fast alle Angriffe werden in numerischer Unter- oder Gleichzahl gespielt. Einerseits liegt das am Gegner, der seine letzte Linie in der Regel zahlenmäßig gut bestückt um sein eigenes Tor zu verteidigen, andererseits wollen fast alle Mannschaften im initialen Spielvortrag eine Überzahl gegen den verteidigenden Gegner herstellen. Wieso eigentlich? Nun die Antwort auf diese Frage bestätigt wiederum unser zweites Postulat. Man agiert im Spielaufbau mit numerischer Überzahl, weil man im Spielaufbau dadurch möglichst wenig Risiko eingeht. Ah! Da war doch was? Die numerische Überzahl wird im Moment des Ballverlustes besonders wichtig. Verliert man im Spielaufbau den Ball hat man lieber ein 4 gegen 2 als ein 2 gegen 2. Wenn man im ersten Drittel jedoch konstant Überzahl herstellt, ist es klar, dass man im letzten Drittel von Beginn an in Unterzahl starten wird.

Dies bringt uns auch schon wieder zum ersten Postulat zurück: Im Angriff ist nicht die numerische Überlegenheit entscheidend, sondern die positionelle und dynamische Überlegenheit. Das trifft sich gut, weil man in der Offensive ja in der Regel keine klare, konstante numerische Überlegenheit herstellen kann. Dementsprechend sind die Angriffsüberlegungen und Bewegungen umso entscheidender.

 

Die Spielform

Die folgende Spielform soll einerseits der Natur des tatsächlichen Spieles gerecht werden, andererseits jedoch mithilfe von Feldformen und Restriktionen auch implizit bestimmte Pässe und Tiefenläufe provozieren, welche dadurch nicht explizit erwähnt werden müssen.

Das Spiel startet in einem 5 gegen 3. Hierbei wollen wir der Natur des Spieles gerecht werden. Im Spielaufbau gehen Mannschaften wie eingangs erwähnt wenig Risiko ein und versuchen den ersten Ballvortrag mit möglichst viel Sicherheit zu bestreiten. In dieser Spielform können bei einem Ballverlust der weißen Mannschaft, die roten Spieler prompt über die beiden Mini-Tore in durchbrechen. Nachdem die weiße Mannschaft jedoch eine Überzahl hat, kann sie entsprechend einfacher ins Gegenpressing gehen und die Mini-Tore verteidigen.

Kann man sich zumindest 4 Zuspiele lang die roten Gegenspieler vom Hals halten, darf man den Ball anschließend in den linken oder rechten Trichter spielen.

Wird der Ball – wie in der obigen Grafik – in den linken Trichter gespielt, sind die weißen Spieler aus dem rechten Trichter aus dem Spiel. Die roten Verteidiger hingegen dürfen alle in den bespielten Trichter und verteidigen das Tor in einem 5 gegen 3.

Die weißen Spieler sind zahlenmäßig klar in der Unterzahl. Der einzige Weg um einen Durchbruch Richtung Tor zu erzielen ist durch geschickte Nutzung der eigenen Positionierung, Nutzung von gegnerbindenden Gegnerläufen und das Spielen über den dritten und/oder vierten Mann. Das Ziel muss es sein, trotz numerischer Unterlegenheit, eine positionelle und dynamische Überlegenheit herzustellen und den Gegner dementsprechend zu destabilisieren. Die Natur dieser Spielform ergibt jedoch auch, dass die weiße Mannschaft – durch ihre Unterzahl – im Falle eines Ballverlustes auf verlorenem Posten steht wenn es ums Umschalten auf die Defensive geht.

Bei Ballverlust kann man dementsprechend entweder:

  • nur die 5 weißen Spieler aus dem initialen 5-gegen-3 Rondo oder
  • zusätzlich die drei Offensivspieler aus dem ballentfernten Trichter das Nachsetzen nach Ballverlust erlauben.

Diese Spielform hat meistens eine äußerst reproduzierbare Lernkurve. In den ersten Durchgängen geht der Ball aufgrund von statischer Offensivbewegungen und der dadurch offensichtlichen Zahlen-Diskrepanz sehr rasch verloren. Ohne expliziter Hilfestellungen werden zunächst einfache Doppelpässe genutzt um den Gegner zu überlisten. In weiterer Folge werden sogenannte „third man movements“ auftauchen und der Gegner immer weiter destabilisiert. Entscheidend hierbei ist, dass aufgrund der spezifischen Spielfeldform, alle Angriffe sehr geradlinig gespielt werden und alle eine gewisse Diagonalität in Richtung Tor besitzen. Auch die genutzten „third man runs“ haben alle eine mehr oder weniger vorgegebene Richtung.

Nach mehreren erfolgreichen Durchgängen werden sich die fünf Verteidiger aber auch darauf einstellen und die Spielform trifft wieder auf ihren Plafond.

War diese erste Phase der Spielform abgeschlossen, habe ich eine Erweiterung hinzugefügt um die Spielform am Leben zu erhalten. Wird aus dem 5 gegen 3-Start-Rondo in einen der beiden Trichter gespielt, darf der Passgeber aus dem Startrondo den Angriff unterstützen. Aus dem 5 gegen 3 wird ein 5 gegen 4. Der zusätzliche Angreifer wählt in der Regel automatisch sehr aggressive Offensivläufe und versucht als dritter oder vierter Mann eine neue Dynamik in die Spielform zu bringen. Für die Verteidiger sind die Weißen durch den durchlaufenden Extra-Spieler schwieriger einzuschätzen.

Als weitere Variation kann man einen, zwei oder sogar drei Spieler aus dem ballentfernten Trichter involvieren.

Die Idee für diese Spielform bekam ich durch dieses Video:

 

 

Kommentare sind geschlossen