Türchen 11: Besetzen und Bespielen des Zwischenlinienraums

Von George Jones

Der heutige Teil des Adventskalenders dreht sich ganz um die Idee, zwischen den Linien des Gegners zu spielen. Die zugehörige Trainingsform ist ein 8 gegen 8 plus 3, für das zudem zwei Torhüter gebraucht werden (oder falls einer der Torhüter fehlt zumindest irgendeine Art der Restriktion beim Torabschluss, z.B. dass dieser nur mit einem Kontakt erfolgen darf). Das Spielfeld hierfür sollte 60*40 Meter groß sein.

“En el fútbol el ‘timing’ es la base de todo” (Im Fußball ist Timing die Basis für alles) – Saul Niguez

Doch bevor wir uns im Detail mit der Spielform auseinandersetzen, sollten wir uns zunächst einmal vor Augen führen, warum das Spiel zwischen den Linien so wichtig ist. Im Rahmen dieses Artikels soll das „Besetzen und Bespielen des Zwischenlinienraums“ sich auf den Raum innerhalb der gegnerischen Formation beziehen. Dieser wird als Raum zwischen zwei horizontalen gegnerischen Linien betrachtet.

Ein Spieler der sich befreien kann und sich „zwischen den Linien“ wiederfindet ist quasi ungedeckt, was ein Dilemma für den Gegner hervorruft: Sollen wir in der Formation bleiben oder ihn aufnehmen? Insbesondere gegen mannorientierte oder manndeckende Mannschaften kann so für Chaos gesorgt werden.

Natürlich öffnet sich in der Regel auch dann ein zusätzlicher Passweg, wenn ein freier Spieler zwischen den Linien aufgenommen wird und ein Gegner dafür seine Position verlässt. Schauen wir uns beispielsweise ein 4-3-3 gegen ein 4-2-3-1 an, so kann der Stürmer durch eine Positionierung hinter der Doppelsechs aber gleichzeitig noch klar vor der Abwehr schon statisch für Zuordnungsschwierigkeiten sorgen.

Natürlich sieht man in den letzten fünf bis zehn Jahren, dass Mannschaften defensiv immer besser organisiert sind und deutlich kompakter agieren, was eben den Zwischenlinienraum zum Teil deutlich verkleinert. Um dem entgegenzuwirken, müssen Spieler hervorragend in engen Räumen agieren können, ein gutes Verständnis von Timing in Bezug zum Raum sowie zu den Mitspielern haben und dann auch noch ihre Entscheidungen auf engem Raum umsetzen.

Ein weiterer Weg, um diese Faktoren zu bespielen, der seit ein paar Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat, ist das Nutzen von asymmetrischen Formationen.
Durch eine Linie hindurchzuspielen kann bedeuten: Durch eine Linie dribbeln, durch eine Linie passen, sich in eine oder durch eine Linie bewegen oder bloß stillstehen, um einen Passweg durch die gegnerische Formation zu öffnen.

Ein ganz berühmtes Beispiel dafür, wie effektiv das sein kann, ist natürlich Lionel Messis unglaubliche Leistung im Spiel bei Real Madrid am 2. Mai 2009. Aber das weiß heutzutage sicherlich sowieso schon jeder…

8 gegen 8 plus 3

Das Spiel beginnt bei einem der beiden Torhüter. Gemeinsam mit seinen beiden Innenverteidigern befindet er sich in einem 3 gegen 1 mit dem gegnerischen Stürmer. Von hier muss der Ball in das Mitteldrittel gelangen – entweder zu einem der beiden Neutralen in den Flügelzonen oder zu einem der eigenen Spieler im Zentrum. Pässe sollten idealerweise am Boden gespielt warden.

Der Ball könnte mit einem Lupfer von einem Innenverteidiger zu einem Außenverteidiger gespielt werden, doch der Trainer muss selbst entscheiden, ob das realistisch ist oder nicht. Gleichzeitig erscheint der direkte Pass zum Stürmer zwar als äußerst unrealistisch, sollte aber nicht per se verboten werden, da ein solcher direkter Laserpass durch das eng besetzte Zentrum eine herausragende Lösung darstellt.

Sobald der Ball den Stürmer im letzten Drittel erreicht, entsteht ein freies Spiel. Jeder der Spieler darf sich frei bewegen, bis ein Tor erzielt wurde oder der Ball für einen Abstoß ins Toraus geht (Ecken und Einwürfe ändern die Regeln des Spiels nicht). Einzig die beiden Neutralen müssen im Mitteldrittel bleiben, von hier aus können sie der angreifenden Mannschaft als Zuspieler dienen oder für eine Rückzirkulation des Balles genutzt werden.

Gleichzeitig können sie natürlich auch als Zielspieler für die verteidigende Mannschaft genutzt werden, nachdem diese den Ball gewonnen hat. Von hier aus können sie dann gemeinsam mit dem Stürmer, der sich vermutlich weiterhin in einem 1 gegen 2 befindet, einen Konterangriff in Überzahl starten. In einem der Bilder habe ich den Stürmer sogar im 1 gegen 1 gelassen, weil die verteidigende Mannschaft vermutlich Holstein Kiel heißt.

Wenn die Situation aus dem unteren (zweiten) Bild auftritt und der Stürmer es schafft, die Verteidiger so abzuschütteln, dass er irgendwo auf der markierten Linie landet und den Ball dort bekommt, gibt es für jedes im Anschluss erzielte Tor drei Punkte (außer die rote Mannschaft verliert den Ball zwischendurch, Tore nach Ablage zurück ins Mitteldrittel würden jedoch zählen). Die erste Mannschaft, die 10 Punkte erreicht, gewinnt.

Die Idee des Spiels ist es, an diesem Zurückfallen des Stürmers zu arbeiten, damit er den Ball zwischen den Linien bekommt. Das ist auch schon bei der normalen Torerzielung der Fall, da die markierte Linie mit den Stangen/Dummies als gegnerische Verteidigungsreihe gesehen werden kann.

Sobald ein Tor erzielt wurde, beginnt das Spiel erneut von einem der Torhüter und alle Spieler gehen zurück in ihre ursprünglichen Zonen.
Eine andere interessante Option, das Spiel zu starten, wäre es den Ball bei einem der Außenverteidiger zu haben, der einen direkten Pass zum Stürmer spielt. Dieser könnte dann entweder selbst im 1 gegen 2 zum Abschluss kommen und für ein Tor einen Punkt bekommen. Oder er legt den Ball nach hinten ab und seine Mannschaft versucht, drei Punkte zu erlangen.

Ich mag diese Erweiterung, da sie dem Stürmer erlaubt, sich zu Beginn des Spiels auf ein rein individuelles Ergebnis zu konzentrieren (Torabschluss im 1 gegen 2). Würden die Innenverteidiger den Ball gewinnen, startet das Spiel im selben 3 gegen 1 wie bei der ursprünglichen Variante. Bei erfolgreichem Torabschluss kann der Stürmer belohnt werden, indem erneut ein Ball vom anderen Außenverteidiger auf ihn gespielt wird. Trifft er das Tor nicht, startet der gegnerische Torhüter normal mit dem Ball.

Explizites Coaching

Einige Aspekte, auf die der Trainer bei der Durchführung dieser Spielform achten und einwirken sollte:

Im ersten Abschnitt der Trainingsform sollten die Joker (in Relation zum Spielgeschehen) möglichst hoch positioniert bleiben und darauf warten, dass der Ball zu ihnen gelangt.

In der Startsituation muss der Stürmer bedacht dabei vorgehen, wie genau er Druck auf den Ball ausübt und entsprechende Passwege mit seinem Deckungsschatten versperren kann. Idealerweise halten seine Mitspieler das Zentrum kompakt, sodass er sich auf das Abschneiden der beiden Neutralen kümmern kann.

Die beiden Innenverteidiger sollen im Spielaufbau dazu angehalten werden, möglichst in freie Räume anzudribbeln. Dadurch können sie den Stürmer entweder für eine Verlagerung zum anderen Innenverteidiger anlocken oder einfach selbst ins Mitteldrittel vorstoßen.

Sobald der Ball sich dort befindet: Wie können die Innenverteidiger das Spiel aus der Tiefe heraus unterstützen bis sich ein freies Spiel entwickelt hat, bei dem sie selbst mit ins Mitteldrittel gehen können? Wie gestaltet sich ihre Positionierung und Orientierung?

Wenn der Ball zu einem der Neutralen gespielt wird: Können sie einen Chipball oder angeschnittenen Pass zu einem vorstoßenden Spieler anbringen, sodass dieser die Abwehrlinie durchbricht?

Wie verhalten sich die Neutralen im Mitteldrittel, wenn der Ball das letzte Drittel erreicht hat? Spielen sie als eingerückte Außenverteidiger für die Ballbesitzmannschaft oder gehen sie so breit wie möglich?

Entscheidend, wenn der Stürmer damit beginnt, zurückzufallen: Rechnen die anderen Angreifer damit, dass demnächst ein freies Spiel entsteht? Können sie ihre Bewegungen so timen, dass sie als Endpunkt des Spiels über den Dritten in der Endzone ankommen? An dieser Stelle betonen wir immer, dass die Spieler ihre nächste Aktion im Blick haben sollen und darüber nachdenken, wie diese das Spiel beeinflusst.

Und schließlich: Wenn der Stürmer sich zurückfallen lässt, welche Auswirkungen hat das auf die verteidigende Mannschaft? Folgen die Innenverteidiger ihm oder bereiten sie sich darauf vor, dass der Raum hinter ihnen attackiert wird?

Fazit

Der Sinn dieser Spielform liegt darin, die Idee des Spiels zwischen den Linien, die zurückfallende Bewegung des Stürmers sowie die Probleme in Bezug auf Timing und Orientierung, welche damit einhergehen, zu thematisieren. Weitere Aspekte, die gecoacht werden können, sind das Positionsspiel im Mitteldrittel sowie Verstehen der Dynamiken zwischen den zentralen Spielern. Wie können Spieler für Struktur im Spiel sorgen, wenn sie auf bestimmte Zonen beschränkt agieren?

Eine der Punkte, die mir am meisten Freude bereiten, wenn ich diese Spielform nutze, ist die dynamische Besetzung des Sturmzentrums: Die Spieler dazu zu bekommen, darüber nachzudenken, wer den entsprechenden Raum auffüllt, wenn der Stürmer zurückfällt und sich dreht. Läufe in die Tiefe können enorm effektiv sein, um einen Gegner in dieser Situation zu überspielen.

Der wichtigste Aspekt bei dieser dynamischen Besetzung ist natürlich das Training des richtigen Timings der Bewegungen. Die Spieler müssen sowohl über ihre nächste Aktion nachdenken als auch über verschiedene technische Lösungen, die möglich sind – für den Stürmer etwa die Drehung mit dem ersten Kontakt oder eine Ablage zu den Mitspielern (Welcher Fuß? Welcher Winkel?)

Das Spiel hilft zudem dabei, Tororientierung zu vermitteln. Gerade im Umschaltmoment gibt es mit dem Stürmer und den beiden Neutralen insgesamt drei Anspieloptionen. Die Ballbesitzmannschaft sucht dies mit guter Positionierung in Ballbesitz zu verhindern und ihrerseits stets das Tor zu attackieren.

Ich habe auch durchaus einmal die Sonderregel benutzt, dass man im Mitteldrittel immer dann mit einem Kontakt spielen muss, wenn der vorherige Spieler zwei oder mehr Ballberührungen hatte. Wie mit allen Kontaktvorgaben ist hier vor allem der Kontext entschieden. Die Spieler sollen verstehen, dass diese Regel ihnen dabei helfen soll, den Ball schnell zu bewegen und auch möglichst zielgerichtet in die Spitze zu spielen.

Natürlich müssen bei solch einer Vorgabe auch erst recht immer an die nächste Aktion denken, bevor sie überhaupt passiert. Ohne entsprechende Unterstützung droht dem Stürmer schnell Isolation.

Aus dieser Spielform sollten vor allem das Erkennen und Nutzen von freiem Raum, die dynamische Natur desselben sowie die Wichtigkeit des Spielkontexts als Lernmomente mitgenommen werden. Über allem steht dabei jedoch das Timing.

 “There’s only one moment in which you can arrive in time.  If you’re not there, you’re either too early or too late.”

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