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Türchen 10: Gegenpressing als Spielmacher

Von Eduard Schmidt

Den Ausspruch vom Gegenpressing als „besten Spielmacher“ prägte, wie allgemein bekannt, kein geringerer als Jürgen Klopp. Damit legt er den Fokus ganz bewusst auf einen Aspekt dieses taktischen Mittels, das auf verschiedene Arten angewendet werden kann und je nach Kontext variiert.

Das erste, woran man beim Wort „Gegenpressing“ denkt, ist sicherlich der Versuch einer sofortigen kollektiven Ballrückeroberung. Obwohl das an sich im Vergleich zum sofortigen „Fallen lassen“ erst einmal eine aggressive Spielweise impliziert, beschränkt man sich doch auf einen reaktiven Aspekt, wenn man sich auf diese Definition bezieht. Es geht rein um die Reaktion nach Ballverlust, andere Faktoren bleiben möglicherweise außen vor oder werden bloß implizit angewendet.

Denn ähnlich wie der Ballbesitz ist das Gegenpressing an sich keine „Philosophie“, sondern ein Werkzeug, das es auf bestimmte Art und Weise anzuwenden gilt. Der spielmachende Aspekt liegt darin, dass man den Gegner nach Ballverlust in die offensive Umschaltbewegung kommen lässt, damit dieser Räume öffnet. Diese sollen dann nach Rückeroberung des Balles schnell bespielt werden. Das Gegenpressing steht also deutlich im Zusammenhang mit den anderen Phasen des Spiels.

Entsprechend kann es tatsächlich sein, dass man im Gegenpressing nicht nur zu langsam reagiert, sondern den Ball möglicherweise „zu schnell“ wiederbekommt, wenn der Gegner noch überhaupt nicht die Umschaltbewegung in Gang gesetzt hat.

Eine andere Funktion wäre das „Gegenpressing zur Ballsicherung“, bei dem es beispielsweise darum geht, den Ball so zurückzuerobern, dass anschließend (ballfern) ein freier Spieler gefunden werden kann und ein sofortiger Übergang ins Positionsspiel stattfindet.

Ballsichernder und spielmachender Aspekt werden von allen Mannschaften infolge des Gegenpressing situativ genutzt. Aber es gibt eben bestimmte Wege, sich eher auf eines von beiden zu fokussieren und Situationen zu provozieren, wo die Wahrscheinlichkeit des Auftretens größer wird.

Ein Weg ist das bewusste extreme Überladen einer Zone des Feldes. Dies kann vorher geschehen und der Ball wird risikoreich hineingespielt oder man zieht sich mit dem Pass zusammen. Dadurch wird auch der Gegner dazu gezwungen, diese Zone zu verengen. Mögliche Abpraller und Ballverluste können schnell gegengepresst werden. Die Überladung sorgt anderswo für eine Unterladung, also für Raum, den man im Anschluss dynamisch bespielen kann.

Eine weitere Option wäre es aus einer ausgewogeneren Positionsstruktur zu agieren, ballnah sofort nach Ballverlust Druck auszuüben und den Gegner leicht aufrücken zu lassen, während gleichzeitig die Passoptionen belauert werden und sich die Spieler weiter den Ballführenden nähern. Aus dieser Situation kann dann entweder ein versuchtes Zuspiel abgefangen werden oder ein Moment zum Doppeln gefunden werden.

Was auf jeden Fall deutlich wird: Bei konsequenter Umsetzung geht es, ganz gleich welche Variante letztlich genutzt wird, beim Gegenpressing weniger um physische Aspekte, als um kollektive taktische Elemente, die im richtigen Moment angewendet werden müssen. Physis kann dabei natürlich helfen – insbesondere, um feine taktische Fehler zu neutralisieren.

Das ultimative Umschalt-Positionsspiel

Unabhängig von der Art des Gegenpressings, das angewendet werden soll, ist es zunächst einmal von besonderer Bedeutung, dass die Spieler den „Reflex“ zum Umschalten entwickeln. Das Ganze soll direkt mit dem eigenen Ballbesitz in Verbindung stehen.

Hierzu nehmen wir in der Grundform ein klassisches Positionsspiel in drei Zonen – zwei größere äußere Felder sowie ein kurzer Streifen in der Mitte. In den äußeren Felder besteht jeweils eine 3 gegen 2-Überzahl für die Mannschaft in Ballbesitz. Die Mitte wird von drei Spielern der verteidigenden Mannschaft bewacht. Zusätzlich gibt es noch drei bewegliche Spieler der Ballbesitzmannschaft, die jeweils ein 4 gegen 2 erzeugen können, während mindestens einer von ihnen im Mittelstreifen bleibt.

Nun gibt es zusätzlich zu diesem hauptsächlichen Bereich noch jeweils eine Erweiterung des gesamten Spielfeldes auf beiden Seiten sowie jeweils zwei Minitore am Ende dieser Erweiterungen. Auf jeder der Seiten befindet sich ein zusätzlicher Spieler der verteidigenden Mannschaft.

Diese beiden Akteure dürfen sich zwar frei auf und ab bewegen, jedoch ihre Seite nicht verlassen und zunächst auch nicht aktiv ins Spiel eingreifen. Ihre maßgebliche Funktion besteht darin, für den offensiven Umschaltmoment zur Verfügung zu stehen. Insgesamt ergibt sich so also ein 9 gegen 9 mit unterschiedlichen Spielerrollen.

Die Ballbesitzmannschaft versucht von einem Ende des Feldes zum anderen durchzukombinieren. Hierfür gibt es keine Mindestzahl an Pässen, die zuvor erreicht werden muss. Allerdings muss der Ball tatsächlich von Endspieler zu Endspieler gelangen, ohne dass die verteidigende Mannschaft ihn zwischendurch klar erobert. Nur dann gibt es auch einen Punkt.

Gewinnt die verteidigende Mannschaft den Ball, versucht sie, zu einem der seitlichen Spieler zu passen. Gelingt dies, so attackiert die Mannschaft nun die beiden Tore auf dieser Seite. Bei Torerfolg gibt es einen Punkt. Die zuvor ballbesitzende Mannschaft darf frei ins Gegenpressing gehen. Gewinnen sie den Ball vor einem erfolgreichen Zuspiel auf den seitlichen Spieler, geht es wieder zurück ins ursprüngliche Spiel. Gegebenenfalls wird mit einem neuen Ball gestartet.

Ist der Pass auf den seitlichen Spieler jedoch bereits erfolgt, so versucht man weiterhin den Ball zurückzuerobern. Jetzt allerdings mit dem Ziel, nach Ballgewinn die beiden Tore auf der gegenüberliegenden Seite zu attackieren. Bei erfolgreichem Torabschluss gibt es ebenfalls einen Punkt. So ergibt sich letztlich für einige Zeit ein freies 9 gegen 9 (im Schlauch), das so lange fortgesetzt wird, bis ein Tor erzielt wurde oder der Ball ins Aus gegangen ist.

Eine hochgradig komplexe Form, die bereits implizit eine Menge der eingangs erwähnten Punkte abdeckt. Schon kleinere Fehler im Gegenpressing werden konsequent bestraft. Die ausführende Mannschaft sollte entsprechend zumindest die Grundidee dahinter verstehen und in simplen Positionsspielen zurechtkommen.

Coaching und Anpassungsmöglichkeiten

Das Coaching in dieser Form beginnt, wie das Spiel selbst, in der Phase des eigenen Ballbesitzes. Zunächst muss eine sichere und geduldige Ballzirkulation sichergestellt werden, aus der heraus stets der Blick in die Tiefe erfolgt, um passende Momente für einen Felderwechsel zu erkennen. Der Ball muss jeweils in offener Stellung mit Blick nach vorne mitgenommen werden.

Bei zu hohem Druck sollte zudem stets einer der Spieler aus dem Mittelstreifen zurückfallen. Im 4 gegen 2 sollte das Ballbesitzspiel aus einer Rautenstaffelung besser funktionieren. Hier lassen sich entsprechend auch Positionswechsel etablieren. Zum Beispiel: Einer der seitlichen Spieler des 3 gegen 2 rückt ins Zentrum an die Spitze der Raute, ein Spieler aus dem Mittelstreifen lässt sich auf seine Position zurückfallen.

Die Funktion dieser drei beweglichen Spieler liegt neben der direkten Unterstützung weiterhin darin, dass sie im Zentrum Gegner binden können. Es ist auch erlaubt, sie für Ablagen einzusetzen. Mit derlei Mitteln lassen sich effektiv Passwege freiziehen. Gleichzeitig können sie sich auch frühzeitig so positionieren, dass sie einen der seitlichen Spieler nach Ballverlust unmittelbar anlaufen können.

Dies hängt wiederum vom Lesen der Spielsituation ab. Je wahrscheinlicher ein Ballverlust wird, desto näher sollten sie an diese Spieler heranrücken. Selbiges gilt für die äußeren Spieler im 3 gegen 2. Aktive Antizipation statt bloßer Reaktion ist nötig. Erfolgt der Ballverlust dann auch tatsächlich, müssen schnell die Passwege zu den seitlichen Spielern verdeckt werden. Zusätzlich muss der Weg durch das Zentrum versperrt werden, damit Kombinationen über den Dritten oder ähnliches unmöglich werden.

Gelangt der Ball dennoch zu einem der seitlichen Spieler, sollte zumindest ein Spieler des anderen Teams unmittelbar Druck auf ihn ausüben. Er sollte von den beiden Toren weggeleitet werden, während weitere Spieler hinter den Ball kommen und bei einem Durchbruch absichern können. Gewinnt man den Ball hier, so hat sich vermutlich der zentrale Raum weiter geöffnet oder es gibt zumindest die Möglichkeit auf weiter vorne verbliebene Mitspieler umzuschalten.

Mögliche Variationen können sein:

  • Breiteres Feld für das Ausgangsspiel: Höherer Fokus auf Verschieben der verteidigenden Mannschaft
  • Engeres Feld für das Ausgangsspiel: Schwierigerer Felderwechsel für Ballbesitzmannschaft, mehr Raum für Konter
  • Mindestanzahl von 3-5 Pässen vor Felderwechsel, um für ein ruhigeres Ballbesitzspiel zu sorgen
  • Die neun Spieler der Ballbesitzmannschaft dürfen frei ihre Rollen tauschen. Ein Spieler muss allerdings stets in der mittleren Bahn bleiben und in jedem Feld sollte zumindest ein 3 gegen 2 gewährleistet sein.
  • Jeweils vier Verteidiger im Mittelstreifen und zwei im Feld mit dem Ball. Bei erfolgreichem Felderwechsel müssen die beiden nächsten Spieler ansprinten und den freien Raum auffüllen
  • Statt seitlich wird das Feld hinter den Endspielern der Ballbesitzmannschaft erweitert, wo sich entsprechend die zusätzlichen Spieler der verteidigenden Mannschaft positionieren. Hierfür kann dann statt Minitoren auch jeweils ein großes Tor mit Torwart genutzt werden
  • Erweiterung des ursprünglichen Feldes in alle Richtung (Kreuz-Form): Jeder Mannschaft sind zwei Tore zugeordnet, die nach Ballgewinn oder erfolgreichem Gegenpressing bespielt werden können

Erweiterung zur freien Spielform auf Tore

Im Anschluss an diese Spielform würde ich dann noch auf ein zusätzliches simples Format übergehen. Für dieses hat man idealerweise zwei komplette Mannschaften zur Verfügung. Eine Durchführung ist aber auch mit weniger Spielern möglich.

Das Spiel startet mit einem 8 gegen 7 für die Ballbesitzmannschaft in der gegnerischen Hälfte. Ihr Ziel ist es, selbst zum erfolgreichen Torabschluss zu kommen, was mit einem Punkt belohnt wird.

Gewinnt allerdings die verteidigende Mannschaft den Ball, so kann sie unmittelbar auf drei weiter vorne positionierte Spieler passen, die für einen Konter bereitstehen und erst von zwei Verteidigern attackiert werden dürfen, wenn tatsächlich ein Pass erfolgt ist. Ein erfolgreicher Torabschluss bedeutet auch auf dieser Seite einen Punkt. Das 3 gegen 2 wird nur kurzzeitig ausgespielt, da alle vorher involvierten Spieler mit eingreifen dürfen.

So ergibt sich auch hier im Endeffekt ein freies 11 gegen 11, das für eine bestimmte Zeit oder wiederum bis zur Torerzielung oder bis der Ball im Aus gelandet ist, fortgesetzt wird. Diese Spielform lebt von klaren Motiven auf beiden Seiten: Die Ballbesitzmannschaft muss schnell ins Gegenpressing gehen, um ein Zuspiel der anderen Mannschaft nach vorne und somit das kurzzeitige Verteidigen in Unterzahl zu verhindern.

Die zunächst verteidigende Mannschaft versucht allerdings logischerweise genau eine solche Situation zu erzwingen und den Konter auch noch so gut wie möglich zu unterstützen. Sie muss also in die Vorwärtsbewegung gehen. Dadurch entstehen meist Räume, aus denen heraus das Gegenpressing nach erfolgreicher Ballrückeroberung tatsächlich zum entscheidenden Spielmacher werden kann.