Türchen 10: 5 gegen 5 plus 1 mit „Tiefenspielern“

Von @feyre9251

Aufbau und Regeln

Diese Spielform wird mit zwei Teams à 5 Spielern (rot-weiß gegen blau) sowie einem neutralen Spieler (lila) durchgeführt. Zwei Spieler jeder Mannschaft befinden sich jeweils an einer Stirnseite des Spielfeldes und können sich nur innerhalb des in der Grafik dargestellten Radius bewegen. Wir nennen sie „Tiefenspieler“. Sie sollten regelmäßig ausgetauscht werden.

 

Grafik 1

Ziel ist es in eines der Tore zu treffen, nachdem eine Ablage durch einen der Tiefenspieler erfolgte. Ansonsten zählt der Treffer nicht.

Es gibt die ein oder andere kleine Anpassung für diese Regelung, wodurch wichtige Auswirkungen auf das Spielgeschehen entstehen können, welche die gesamte Entwicklung der Spieldynamik sowie die Folgen von bestimmen Aktionen beeinflussen. Dies werde ich im Abschnitt über Variationen kurz diskutieren, zum Zwecke der Klarheit an dieser Stelle jedoch mit der einfachsten Punkteregelung beginnen.

Ich empfehle es, die Zonen wie in der ersten Grafik einzuteilen, um den Spielern ihre Positionsfindung zu erleichtern. Man kann sie auch explizit mit bestimmten Vorgaben verbinden, welche Zonen, wann besetzt sein sollen. Dies kann in Abhängigkeit von Position und Bewegung des Balles, der Mitspieler sowie der Gegenspieler festgelegt werden.

Weiterhin dient die Zoneneinteilung aber implizit der selbständigen Raumaufteilung, ohne dass der Trainer diese zusätzlich einfordern muss. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Spieler bereits die Grundlagen für die Positionsfindung anhand der verschiedenen Referenzpunkte erlernt haben.

Zudem kann die Zoneneinteilung als solche auch angepasst werden. Dazu gibt es einige Varianten, die abhängig von der Punkteregelung oder anderen Regeln effektiv sein können. Ein Beispiel hierfür ist in der nächsten Grafik zu erkennen: Die Einteilung in fünf vertikale Korridore fokussiert sich vor allem auf die Positionierung der Spieler als solche und ist dahingehend vor allem für die Struktur wichtig.

 

Grafik 2

Ablauf

Diese Trainingsform hat, wie jedes Spiel, das zwar über eine klare Richtung, aber über wenige einschränkende Regeln verfügt, den Vorteil, dass sie ohne großen Aufwand vielseitig angepasst und je nach eigenen Präferenzen modifiziert werden kann. Grundsätzlich bietet die Spielform Tiefendynamik und somit viele Aktionen, die mit dem Prinzip der Vertikalität verbunden sind. Konkret: Spiel über den Dritten und Kombinationsspiel in die Tiefe.

Von einem theoretischen Standpunkt aus ist Vertikalität eines der wichtigsten Spielprinzipien überhaupt. Es geht darum, fortwährend die defensive Stabilität des Gegners zu gefährden und so für sich selbst vielversprechende Situationen zu schaffen. Natürlicherweise gibt es keine vorteilhaftere Position als die eines Spielers, der sich nah am gegnerischen Tor befindet und viele Optionen hat, dieses entweder direkt zu attackieren oder indirekt Druck darauf auszuüben. In dieser Trainingsform sind die Spieler speziell dafür positioniert, um ein Spiel über den Dritten zu realisieren.

Eine wichtige Anmerkung ist an dieser Stelle, dass diese Übung als Teil des Lehrprozesses in Richtung einer positionellen Spielidee (Positionsspiel) darstellt und somit im Kontext einer strukturierten taktischen Periodisierung behandelt wird (Weitere Ausführung über diese würden den Rahmen des Textes sprengen. Es sei jedoch angemerkt, dass der Begriff nicht mit dem populären Modell der taktischen Periodisierung vermengt werden sollte).  Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Spieler bereits über eine minimale Idee über die Wichtigkeit von Struktur und Positionierung verfügen. Über die Vermittlung derselben schrieb ich bereits in meinem letztjährigen Kalenderbeitrag, der sich hier findet.

Dies alles scheint zunächst nicht besonders relevant zu sein, aber funktionell sollte es nicht unterschätzt werden, da das zugrundeliegende Ziel stets das Verständnis der Spieler ist – in diesem Beispiel Verständnis von: Spiel über den Dritten, bewusste Positionsfindung, das Erzeugen und Nutzen von positioneller Überlegenheit durch manipulative Aktionen, zweckgemäße Ballzirkulation etc.

Außerdem möchte ich in enger Anlehnung an das oben Genannte kurz eines der größten Probleme in Bezug auf diese Art der Spielform darstellen. Es besteht das Risiko, dass die Spieler sich aufgrund des Übungsaufbaus zu sehr in die Tiefe orientieren und kein zweckgemäßes Ballbesitzspiel aufziehen oder anderweitige positionelle Vorteile ausnutzen.

Implizit ermutigen wir die Spieler zwar dazu, die Tiefe zu nutzen, aber wir sollten gleichzeitig ständige Aufmerksamkeit darüber einfordern, wann man diese Option am besten gebraucht und wann man besser andere Optionen bemühen sollte. Ansonsten laufen wir Gefahr, den Spielern bloß kontextualisierte Aktionen und kein tatsächliches Spielverständnis beizubringen. Dieser Aspekt genießt besonders bei einem Spielstil, der so strukturiert und durchdacht aufgebaut ist wie eine tatsächlich positionelle Spielidee, ganz besondere Wichtigkeit. Hierin wird auch deutlich, warum es eben derart entscheidend ist, vorher bereits die grundlegenden Regeln von Positionierung und Struktur behandelt zu haben.

Um diesen kleinen Exkurs über Methodologie abzuschließen, bleibt festzuhalten, dass es zwar einen klaren Sinn hinter der Trainingsform gibt, das Prinzip der Vertikalität zu lehren. Doch dieses kann nicht unabhängig von anderen elementaren Bausteinen des Spiels betrachtet werden, da diese erst die Bedingungen dafür schaffen, dass es Optionen für ein vertikales Spiel gibt. Es gibt keinen Platz, um isoliert von den Prinzipien am Spiel über den Dritten zu arbeiten. Die Aktionen sind direkte Folge der Struktur als solche.

  • Orientierung zum weitest entfernten Mitspieler
  • Körperstellung
  • Art des Passes
  • Diagonalität
  • Bereit sein
  • Manipulation, um vertikale Optionen zu öffnen
  • Dynamik und Folgeaktion

Von einem individuellen Standpunkt aus betrachtet sollte der Spieler in Ballbesitz dazu angehalten werden, sich stets am weitest entfernten Mitspieler zu orientieren, sobald er den Ball bekommt. Ziel ist es, so schnell wie möglich so viel Raumgewinn wie möglich zu erzielen. Das konkrete Design sorgt für die ständige Verfügbarkeit dieser Option, da sich am Ende des Feldes zwei Tiefenspieler befinden und die Aufmerksamkeit implizit auf sie gerichtet wird. Dadurch kreieren wir, wie später zu sehen sein wird, gleichzeitig Referenzpunkte für die Positionierung der anderen Spieler

Außerdem muss die Körperstellung vor der Ballan- und Mitnahme sowie der erste Kontakt stets ebenfalls in Beziehung zu den Tiefenspielern erfolgen. Eine ständige Bereitschaft, unmittelbar mit ihnen zu kombinieren, muss sichergestellt sein.

Grafik 3

Ein weiterer relevanter Coachingpunkt ist die Art des Passes, welche verwendet wird, um zum Tiefenspieler zu gelangen. Dies ist im Kontext von dessen Anschlussaktion zu betrachten. Der Ballführende sollte sich der potentiellen Beziehungen in Bezug auf den nächsten Ballempfänger bewusst sein. Es muss das Ziel sein, es diesem so einfach wie möglich zu machen und die bestmöglichen Bedingungen für eine saubere Spielfortsetzung zu schaffen.

In unserem konkreten Fall muss die nächste Aktion eine Ablage sein, aber selbst dabei gibt es bereits verschiedene Varianten, welche mit der Richtung sowie dem Timing des dritten Spielers zusammenhängen (z.B. Diagonalität, erster Kontakt etc.). Der erste Ballführende sollte versuchen diese Faktoren so gut wie möglich zu antizipieren und bei der Ausführung des Passes dessen Tempo, Gewichtung und Richtung zu kontrollieren.

Selbst mit einer guten unterstützenden Struktur ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines positiven Ballvortrags der Pass selbst. Dieser kann besondere Wichtigkeit erlangen, wenn der Passempfänger mit dem Rücken zum Tor agiert oder aus anderen Gründen ein eingeschränktes Sichtfeld hat. Der Pass dient hierbei als Form der nonverbalen Kommunikation und gibt dem Empfänger Indikatoren über die Situationen in seinem Umkreis, die er nicht sehen kann.
– EA in “Vertical Build-Up Passing”
auf Spielverlagerung.com

Der Nutzen von Diagonalität wird außerdem durch die bloße Positionierung und Spielerdynamik in der Trainingsform hervorgehoben. Die Positionierung der beiden Tiefenspieler provoziert diagonale Zuspiele. Diese werden dann besonders wertvoll, wenn zuvor ein horizontales Zuspiel erfolgte. Während die Verteidiger noch ihre Position anpassen, kann ein Pass gegen die Verschieberichtung das gesamte Spiel verändern.

Wie in der folgenden Grafik (und in Grafik 3) zu sehen, besteht so eine bessere Chance dafür, eine Ablage außerhalb des gegnerischen Blickfelds anzubringen, da die Verteidiger in der Regel noch in die andere Richtung orientiert sind.

Grafik 4

 

In diesem Sinne manipulieren horizontale Pässe die Orientierungspunkte und erzwingen eine Anpassung der defensiven Positionierung, um Zugriff zu erzeugen. Dadurch öffnen sich vertikale und diagonale Passwege.

Wie weiter oben bereits hervorgehoben, gilt der Positionierung der ballentfernten Spieler in dieser Trainingsform eine besondere Aufmerksamkeit. Sie können Optionen in die Tiefe öffnen und/oder verhindern, dass die Verteidiger alle Optionen gleichzeitig abdecken können. Natürlich ist diese Rolle durch das Zahlenverhältnis entsprechend vereinfacht. Aber selbst in diesem Fall wäre es bei unpassender Positionierung ein Leichtes für die Verteidiger, Passwege in die Tiefe abzuschneiden, während sie gleichzeitig Druck auf den Ball erzeugen.

Die nicht in Ballbesitz befindlichen Spieler sollten sich nach den grundsätzlichen Regeln des Positionsspiels anordnen und Dreiecke sowie Rauten untereinander bilden. Dabei ist darauf zu achten, nicht zu nah auf den Ballführenden aufzulaufen oder Passoptionen in die Tiefe zu blockieren. Vor allem letzteres gestaltet sich im Sinne des Spieles entscheidend, da die Option in die Tiefe am wertvollsten ist.

Ihre Bedeutung bei der Desorganisation des Gegners ist dabei ebenfalls von den Prinzipien des Positionsspiels abhängig, beispielsweise lockendes Passspiel, entgegengesetzte Bewegungen zum Öffnen von Passwegen, Nutzung von Passfinten etc.

Durch effektive Nutzung der Überzahl mithilfe des neutralen Spielers wird der Ballvortrag zwar erleichtert. Die Spieler müssen aber dennoch die jeweilige Situationsdynamik verstehen, um Momente zu erkennen, in denen es sinnvoller ist, einen freien Spieler in der zweiten Linie zu finden, der dann erst zum Tiefenspieler weiterleitet anstatt diesen selbst auf direktem Wege zu suchen.

Die Rolle der Tiefenspieler hat dabei zudem an sich besondere Eigenschaften. Es ist zunächst zu beachten, dass gewisse Aspekte, die in der realen Spielumgebung zusätzliche Hindernisse darstellen würden, durch den Aufbau der Spielform vermieden werden. Darunter fallen etwa Teile dessen, was unter dem Punkt „Bereit sein“ zusammengefasst ist: Koordination/Timing der Unterstützung, Abstand in Relation zum Ball, Lösen vom Gegenspieler sowie weiteres, was der Entscheidungsfindung an sich zuzuordnen wäre. Nichtsdestotrotz gibt es genug Dinge, die in der Rolle des Tiefenspielers zu beachten sind.

Bereit sein für den Pass: Selbst, wenn es in dieser Übung vereinfacht wird, müssen sie immer noch die Referenzpunkte des Spiels antizipieren und wahrnehmen, um genug Informationen zu haben, die für eine schnelle Entscheidung zu treffen/Aktion auszuführen. Das ist ganz offensichtlich von Relevanz, da die Rolle im Kern darin besteht, Torchancen für einen dritten Spieler vorzubereiten.

Anpassen der Positionierung in Relation zum Ball sowie den Spielern auf der zweiten Linie: Die Tiefenspieler sollen ständig vertikale und diagonale Passoptionen für den Ballführenden herstellen. Dies zwingt sie dazu, innerhalb ihrer eigenen Zone ihre Positionierung anzupassen und so neue Passwege zu öffnen.

Obwohl es maßgebliche Aufgabe der Spieler in der zweiten Linie ist, nicht die weitest entfernte Passoption zu blockieren, gibt es durchaus Fälle, in denen dies indirekt in den Aufgabenbereich der Tiefenspieler fällt. Sei es etwa aufgrund einer bestimmten Dynamik oder aufgrund von falscher Positionierung der Spieler in der zweiten Linie. In solchen Fällen muss der jeweilige Tiefenspieler sich entsprechend bewegen, um einen neue Passweg zu kreieren. Dies ist dadurch begründet, dass sie als vorderste Akteure praktisch alles sehen, was hinter ihnen vorgeht und durch diese schnellere Wahrnehmung ebenfalls zeitiger reagieren können.

Zu guter Letzt müssen die Tiefenspieler zudem das Timing und das Ziel ihrer Ablagen unter Kontrolle haben. Sie müssen entscheiden, wann ein schnelles Spiel sich anbietet und wann sie den Ball möglicherweise etwas halten sollten, um den Mitspielern zu erlauben, optimale Positionen zur Abnahme zu erreichen. Was die Richtung der Ablagen angeht, so bieten sich nach diagonalem Zuspiel vor allem diagonales Klatschen lassen an und umgekehrt.

Davon ausgehend lässt sich ein üblicher Grundsatz anwenden: Versuche nach einem vertikalen Pass die Zone zu wechseln. Vor allem in dieser Hinsicht ist das Spiel über den Dritten nützlich.

Nachdem ein Pass in eine Richtung/Zone erfolgte und in eine andere weitergeleitet wurde, braucht der Gegner etwas Zeit, um die Orientierung zu verändern sowie die Aufmerksamkeit vom ersten Ballempfänger auf den nächsten zu richten. Dies kann von den Angriffsspielern zum eigenen Vorteil genutzt werden, da sie mehr Zeit zur Verfügung haben, um zu reagieren und sich mit dem Mitspieler, der den Ball auf sie ablegt, abzustimmen.

Die letzte relevante Idee, die bei dieser Aufgabe in Betracht gezogen werden muss, ist die Anschlussaktion beziehungsweise die Frage danach, ob und wer sich nach erfolgtem Zuspiel für die Ablage in Position bringt. Eine gewisse Dynamik in den Aktionen der Spieler ist notwendig, um die Tiefenspieler schnell zu unterstützen und auf diesem Wege unmittelbar einen Treffer zu erzielen. Die ballentfernten Spieler sollten sich hierfür der Möglichkeit des Vertikalpasses bewusst sein und einen solchen in gewissen Maße antizipieren.

Für sie ist es besonders wertvoll den Gegner außerhalb von dessen Blickfeld zu attackieren („blind side“), da die Möglichkeiten sehr begrenzt sind, dass der Verteidiger sowohl den Weg des Balles als auch diesen Laufweg erfassen und verfolgen kann. Dadurch muss der Tiefenspieler lediglich darauf achten, dass seine Aktion passend mit der Bewegung des dritten Spielers koordiniert ist und mit entsprechendem Timing ausgeführt wird. Man schränkt seinen Fokus somit im positiven Sinne ein.

 

Grafik 5

Variationen

Es gibt in Bezug auf die Punkteregelung mehrere Anpassungsmöglichkeiten, die verschiedene Effekte nach sich ziehen:

  • Sowohl die vorbereitende Ablage als auch der Torabschluss müssen mit einem Kontakt erfolgen, wodurch das Spieltempo und die Dynamik erhöht werden.
  • Treffer zählen ebenfalls, wenn man einen der Neutralen direkt durch eines der Hütchentore anspielt. Dadurch wird eine direktere Spielweise gefördert und ein riskanteres Passspiel provoziert
  • Ein Treffer zählt doppelt, wenn er vom vierten Spieler (siehe untenstehende Grafik) erzielt wird. Dadurch gibt es in der Regel einen weiteren Orientierungswechsel und die Manipulation des Gegners wird verstärkt.

 

Grafik 6

Ich werde nun nicht mehr die üblichen Anpassungen in Bezug auf Anzahl der Ballkontakte, Größe des Spielfeldes oder unterschiedliche Zahl und Größe der Tore eingehen. Dafür empfehle ich die Lektüre dieses Textes von George Jones auf Spielverlagerung.com, in dem vergleichbare Ideen thematisiert werden.

Außerdem habe ich die Möglichkeit des Umschaltens nach Ballgewinn in diesem Rahmen nicht hinreichend thematisiert, aber ich glaube, dass auch dies in Georges Text in genügendem Maße thematisiert wird.

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