Konzeptfussball

Fussball mit Konzept

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Türchen 9: Besetzung unterschiedlicher Linien im Positionsspiel

Von Parker Seymour, kanadischer Akademie- und Universitätstrainer, ehemaliger Juniorennationalspieler

Was genau meint dieses Prinzip? Auf einem kollektiven, strukturellen Level kann man es als eine Referenz auf einen allgemeinen Grundsatz des Positionsspiels sehen: Nicht mehr als drei Spieler sollen dieselbe horizontale Linie, nicht mehr als zwei Spieler dieselbe vertikale Linie besetzen. Das wird auch der Ausgangspunkt für meine heutige Betrachtung sein.

Mithilfe dieses Prinzips lässt sich einfach eine Staffelung innerhalb der Positionsstruktur einer Mannschaft kreieren, was wiederum heißt: Dreiecke, Rauten und insgesamt bessere Verbindungen der Mannschaft – idealerweise über das gesamte (effektiv genutzte) Feld.

Diese Positionsstruktur hat dann wiederum Einfluss darauf, wie die eigene Mannschaft nach Ballverlusten umschaltet. Man könnte plakativ festhalten: Je besser die Staffelung und Besetzung verschiedener Zonen auf dem Feld, desto schwerer wird es für den Gegner, sich aus dem Druck zu befreien (vorausgesetzt natürlich, man nutzt die Ausgangsposition auch für ein Gegenpressing).

Die Spielform

Die Spielform findet in einem quadratförmigen Feld von beispielsweise 28*28m Größe statt und ist jeweils in 4 horizontale sowie vertikale Bahnen aufgeteilt, woraus sich 16 verschiedene Zonen ergeben, die jeweils 7*7m umfassen. Innerhalb des Quadrats wird ein 4 gegen 4 gespielt, wobei immer ein Spieler der Ballbesitzmannschaft startet. Außerhalb des Feldes wird jede Seite von einem seiner Mitspieler besetzt.

Da diese Trainingsform explizit mit Spielrichtung durchgeführt werden soll, muss die ballbesitzende Mannschaft zunächst zu einem der Spieler an den Stirnseiten passen. Wenn man das Spielfeld beispielsweise um den Mittelkreis herum absteckt, sind dies die Spieler auf jenen Seiten, auf denen sich weiter hinten die Großfeldtore befinden (siehe Pfeilrichtungen in der Grafik).

So wird jeweils der Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte simuliert und es ergibt sich unabhängig davon, welcher Spieler den Ball zuerst auf außen bekommt, dieselbe Spielsituation. Entsprechend gibt es auch auf jeder Seite vier Minitore, also insgesamt acht. Das klingt nach einer ganzen Menge, man kann aber auch Hütchentore verwenden. In Kanada benutzen wir meist mobile „pugg nets“.

Regeln/Grundsätze

Ballbesitzmannschaft:

  • Zu keinem Zeitpunkt mehr als einer oder zwei Innenspieler in derselben horizontalen Linie, ein Spieler pro vertikaler Linie
  • Positionierung der Innenspieler mindestens im Abstand eine Zone (also 7m). Anpassung innerhalb einer Zone anhand von Positionierung der Außenspieler, die ihrerseits sicherstellen müssen, nicht im Rücken eines anderen Spielers zu stehen.
  • Außenspieler haben einen Kontakt oder drei Kontakte (entweder beides möglich oder Festlegung auf eines)
  • Spiel von einer Stirnseite zur anderen = 1 Punkt
  • Rückeroberung des Balles und Ballsicherung durch Pass zu einem Außenspieler = 1 Punkt

Pressingmannschaft

  • Dürfen sich innerhalb des Feldes frei bewegen
  • Tor in der Hälfte, wo der Ball gewonnen wurde = 2 Punkte
  • Tor in der anderen Hälfte = 1 Punkt

Lehr- und Lerninhalte

Struktur und Regeln lassen dieses Spiel zunächst vergleichsweise kompliziert, beziehungsweise konzeptionell, wirken, geben ihm allerdings einen impliziten Fokus. Die Regeln zur Zonenbesetzung zwingen die Spieler konstant dazu, sich im Raum und anhand der Mitspieler zu orientieren. Nur so können freie Zonen erkannt, besetzt und bespielt werden.

Die Spieler der Ballbesitzmannschaft sind somit auch dazu gezwungen, entweder auf Bewegungen ihrer Mitspieler (zum Ball/vom Ball weg) zu reagieren oder solche Reaktionen durch ihre eigenen Bewegungen in unbesetzte Räume zu initiieren. In der Regel soll dies dazu führen, dass freie Zonen weiter entfernt vom Ball besetzt werden und besetzt bleiben.

Dementsprechend werden die Spieler nahezu zur Einsicht gezwungen, dass sie nicht immer selbst den Ball in der jeweiligen Situation bekommen, aber den Passweg zu einem Mitspieler freiziehen und dann wiederum für die nächste Aktion selbst zur Option werden.

Zudem ist die Spielfeldgröße eng gewählt, was noch mehr (Reaktions-)Schnelligkeit bei der Ausführung dieser Kommunikation erfordert. Davon geht eine gezielte Überforderung der Spieler aus. Entsprechend treten vor allem zu Beginn, wenn die Regeln noch verinnerlicht werden müssen, viele Fehler auf – sowohl was die Positionierung an sich betrifft, aber auch die Geschwindigkeit, mit der Aktionen hierfür ausgeführt werden.

Meiner Erfahrung nach, zeigen sich Verbesserungen bereits im zweiten oder dritten Durchgang, ohne dass außer Erläuterungen der Regeln weitere explizite Ansagen nötig wären. Hierbei hilft natürlich auch die klare Überzahl der Ballbesitzmannschaft gegenüber dem Pressingteam.

Da es einen Punkt für das Spiel von Stirnseite zu Stirnseite gibt, entsteht ein im Vergleich zur dynamischen Positionierung fixer Referenzpunkt für die Spieler der ballbesitzenden Mannschaft. Der erste Blick sollte stets in die Tiefe gerichtet sein. Es ist deshalb sinnvoll für die Innenspieler sich stets über die Positionierung der Außenspieler, insbesondere natürlich der Endspieler, bewusst zu sein. Das verhindert auch das Blockieren möglicher Passwege.

Dadurch, dass die Außenspieler entweder einen oder drei Kontakte zur Verfügung haben, ergeben sich weiterhin leicht unterschiedliche Szenarien. Bei dem Spiel mit einem Kontakt, werden das Spiel über den Dritten sowie schnelle Verlagerungen zu den sinnvollsten Lösungen. Eine saubere Vororientierung ist unabdinglich.

Andererseits gibt das Spiel mit drei Kontakten den Innenspielern mehr Zeit, sich richtig zu positionieren. Dies wird jedoch auch zur Notwendigkeit, da die Pressingspieler nunmehr auch mehr Zeit für ihre Aktionen haben. Die bewusste Entscheidungsfindung der Außenspieler wird forciert. Zudem können Passfinten („verdeckte Zuspiele“) effektiv ausprobiert und angewendet werden.

Die acht Minitore außerhalb des Feldes geben beiden Mannschaft auch noch klar statische Referenzpunkte. Führt die Ballbesitzmannschaft die Trainingsform korrekt aus, so befinden sie sich in einer Position, von der aus mit geringem Aufwand alle Tore abgedeckt werden können.

Dem Pressingteam eröffnen sich demgegenüber vielerlei Möglichkeiten nach Ballgewinn. Grundsätzlich geht es für sie um die Frage: Schnellen Gegenangriff einleiten (Torerzielung in selber Hälfte) oder Zonenwechsel zur Ballsicherung (Torerzielung in anderer Hälfte). Durch die Punkteregelung wird eher erstere Variante fokussiert, vor allem in Sinne eines unmittelbaren Gegenpressings.

Kontext und Variationen

Wie genau ich innerhalb dieser Spielform coachen würde, hängt von einer Reihe an Faktoren ab. Struktur und Feldgröße sind auf die Durchführung mit einer älteren Jugendmannschaft oder im Seniorenbereich abgestimmt. Dafür sollten grundlegende Positionsspiele (z.B. 5v3) gut beherrscht werden. In der Regel braucht es hierfür etwa eine halbe Saison. Je nach Leistungsstand kann man die Trainingsform aber auch einfach anpassen.

Beispielsweise ließe sich das Feld nur in horizontale oder nur in vertikale Bahnen einteilen, wobei dann weiterhin dieselben Regeln zur Anwendung kämen. Dadurch wird der Schwierigkeitsgrad erst einmal geringer und Spieler mit geringerer Vorerfahrung oder geringerem Verständnis von Positionsspielen sammeln mehr Erfolgserlebnisse. Statt absoluter Überforderung stellt sich bei ihnen ein größerer Lerneffekt ein.

Es ist weiterhin wichtig, den Spielstand als wichtigen Faktor im Blick zu behalten. Als Trainer sind wir uns zwar der Wichtigkeit dieses Aspekts bewusst, doch beschäftigen uns nur selten in Trainingsformen tatsächlich damit, welche Auswirkungen unterschiedliche Spielstände auf die Entscheidungsfindung der Spieler haben.

Man könnte hier verschiedene Szenarien entwerfen, in denen die Ballbesitzmannschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt des Spiels entweder gewinnt, verliert oder in denen es unentschieden steht. Mithilfe dessen lässt sich auch simulieren, was gegen eine bestimmte Mannschaft situativ zu erwarten ist.

Vielleicht liegt die Ballbesitzmannschaft in der 75. Minute gegen ein schwächeres Team mit 2:0 in Führung. Abhängig von der eigenen Spielidee können dann Punkte dafür vergeben werden, einen der Endspieler sowie beide seitlichen Spieler einzubinden, ohne zwischendurch den Ball zu verlieren. So ließe sich möglicherweise das Tempo aus dem Spiel nehmen.

Man könnte auch mehr Spielern erlauben, dieselbe horizontale Linie zu besetzen, wenn man auf eine eher risikoaverse Spielweise setzt, die eben im oben gennannten Szenario durchaus einmal sinnvoll sein kann. Man könnte denselben Effekt auch durch eine Anpassung der Feldmaße hervorrufen, indem man beispielsweise mehr in die Breite geht und somit Raum für längere Zuspiele schafft.

Dieses Beispiel soll lediglich zeigen: Es gibt innerhalb der vorgestellten Spielform vielerlei Variationsmöglichkeiten, die abhängig von konkreten Gegnern oder anderen Faktoren vergleichsweise einfach selbst erdacht werden können.