Konzeptfussball

Fussball mit Konzept

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Türchen 4: Spielverlagerung nach Überladung (“Overload to Isolate”)

In der heutigen Ausgabe geht es um Spielverlagerungen nach Überladungen (Auf Englisch: „Overload to isolate“) und wie man dieses Prinzip in das eigene Training einbaut. Zu diesem Thema gibt es kaum ein besseres und berühmteres Zitat als folgendes von Pep Guardiola persönlich: „Bewege den Gegner, nicht den Ball. Lade den Gegner zum Pressing ein. Man hat den Ball auf einer Seite, um den Angriff auf der anderen abzuschließen“

Genau darum geht es dann auch: Einen bestimmten Bereich des Feldes überladen, um das Spiel anschließend in eine Zone zu verlagern, in denen weniger Verteidiger positioniert sind. Im Anschluss soll dann der ballferne Verteidiger entweder im 1 gegen 1 isoliert werden oder man spielt dort eine lokale Überzahl (2 gegen 1, 3 gegen 2) aus.

An dieser Stelle sollte noch deutlich festgehalten werden, dass es hierbei nicht um „Ballbesitz des Ballbesitzes wegen“ handelt, sondern das Bewegen des Gegners steht im Mittelpunkt. Die Überladung hilft dabei, den Gegner auf eine Seite zu locken, wohin möglicherweise sogar zu viele Spieler verschieben. Dadurch wird erst der Raum auf der ballfernen Seite geöffnet, wodurch man dort im späteren Verlauf Tempo aufnehmen kann.

Spielform: 7 gegen 7 plus 1

Der grundsätzliche Aufbau dieser Spielform ist simpel: Ein Feld ist horizontal in gleichgroße Drittel geteilt und zusätzlich gibt es zwei Flügelzonen außerhalb. Das Mitteldrittel besteht wiederum aus vier Zonen. Beide Mannschaften müssen je einen Spieler im eigenen Strafraum (Verteidiger) und einen im gegnerischen Strafraum (Stürmer) positionieren. In der Mitte stehen sich entsprechend je vier Spieler gegenüber, die von einem Neutralen unterstützt werden. Dank dieses Aufbaus konnte ich verschiedene Provokationsregeln anwenden und auch gezielt verändern:

Die erste Regel sieht vor, dass jeder der vier Spieler im Mitteldrittel stets in seiner eigenen Zone bleiben muss. Durch diese klare Aufteilung gibt es schon einmal eine klare Positionsstruktur, welche die Spieler selbst im Detail verändern müssen, etwa basierend auf den Abstand zum Ball. Wird dieser in den Fuß des Stürmers gespielt, der eine Ablage zurück ins Mitteldrittel spielt, so ergibt sich ein freies Spiel, bei dem sich die Spieler ohne Restriktionen bewegen dürfen.

Jedes so erzielte Tor bringt der jeweiligen Mannschaft zwei Punkte. Geht der Stürmer direkt ins 1 gegen 1 mit dem Verteidiger und trifft, gibt es einen Punkt. Wir haben das Spiel zunächst in dieser Form gespielt, um die Spieler mit dem richtigen Abstand vertraut zu machen, der zur Unterstützung des Ballführenden nötig ist – Zentrumsfokus, ohne auf diesen aufzulaufen.

Felddimensionen 60x40m

In der zweiten Variante ging es nun deutlicher um das eigentliche Prinzip der Spielverlagerung nach Überladung. Das Spiel startet vom Torhüter. In Ballbesitz können die beiden Mittelfeldspieler, die sich am nächsten zum gegnerischen Tor befinden, in die Außenspur ausweichen. Die verteidigende Mannschaft darf lediglich drei Spieler in einer der Zonen im Mitteldrittel haben. Dadurch muss stets ein Spieler auf der ballfernen Seite bleiben.

Zwar darf nur die ballbesitzende Mannschaft ihre Spieler in der Außenspur positionieren, doch die übrigen Spieler dürfen sich allesamt frei im Mitteldrittel bewegen. Mithilfe dieser Regeln entsteht nun eine Überladung im Zentrum, bei der in Ballbesitz weiterhin gute Unterstützung in Tiefe und Breite besteht.

Um nun ein Tor zu erzielen, kann der Stürmer weiterhin ins 1 gegen 1 gehen und abschließen, was wie gehabt einen Punkt bringt. Wird der Ball zum ballfernen Flügelspieler gespielt und geht dabei durch eine Zone, gibt es für ein anschließend erzieltes Tor zwei Punkte.

Wird der Ball, wie in der untenstehenden Grafik dargestellt, durch mehrere Zonen gepasst, ehe er beim ballfernen Flügelspieler landet, zählt ein anschließendes Tor für drei Punkte. Entsprechend dieser Regeln, ergibt sich jedes Mal bei einer Verlagerung zum ballfernen Flügelspieler ein freies Spiel.

Gewinnt die verteidigende Mannschaft, in diesem Fall Rot, den Ball, so haben sie entweder die Möglichkeit, direkt ihren Stürmer im 1 gegen 1 zu suchen oder sie spielen ihrerseits direkt auf die Außenspur, falls sich der entsprechende (ballferne) Spieler unmittelbar korrekt anbietet.

Aufgrund der zuvor erläuterten Zonenbegrenzungen, sollte Rot unmittelbar über eine ballnahe Überzahl verfügen und kann nach Ausspielen dieser ebenfalls eine Spielverlagerung suchen. Hier gelten dieselben Punkteregelungen für erzielte Tore über den ballfernen Spieler.

Insgesamt gefällt mir diese Spielform aufgrund der verschiedenen Resultate, die möglich sind. Es soll eine bestimmte Situation erzeugt werden, während das Spiel an sich immer noch in Gänze dargestellt wird.

Das Team kann sich nicht nur auf die Spielverlagerung nach Überladung konzentrieren, sondern der Trainer kann auch an weiteren Aspekten arbeiten, etwa Orientierung des Stürmers, wie dieser sich mit dem Rest des Teams verbindet, wie der Innenverteidiger das Spiel aus der Tiefe unterstützen kann und wie der Stürmer dies wiederum verhindern kann.

Innerhalb dieses Aufbaus kann der Trainer auch am Positionsspiel seiner Mannschaft arbeiten, an den Abständen und der Staffelung in geordnetem Ballbesitz, aber auch an den Bewegungen nachdem der Ball (zurück-)erobert wurde.

Dabei spielt insbesondere die Idee eine Rolle, sich nicht zu nah an den Ballführenden zu bewegen. Gleichzeitig können die Vorteile einer guten Positionsstruktur hervorgehoben werden, um den Ball im Gegenpressing möglichst schnell zurückzuerobern.

Auch wenn die Ausgangssituation ziemlich klar vorgegeben ist, kann es im freien Spiel durchaus einmal chaotisch zugehen, was der Trainer situativ über Coaching oder Anpassungen steuern kann. Zum Beispiel kann eine Kontaktbegrenzung im Mitteldrittel zur Verbesserung des Kombinationsspiels führen.

Insbesondere der Stürmer kann im freien Spiel entscheidend werden, indem er seinen Gegenspieler nach Zuspiel zum ballfernen Flügelspieler mitzieht und die ballferne Seite öffnet.

Ein letzter Aspekt, den ich ebenfalls implementierte, ist die besondere Wichtigkeit von Diagonalität (diagonales Passspiel) im Mitteldrittel, um für einen saubereren Ballvortrag zum Flügelspieler zu sorgen, aber gleichzeitig auch an der Positionierung und Orientierung der zentralen Spieler zu arbeiten. Hierfür gab es für jeden diagonalen Pass zwischen den mittleren Zonen beispielsweise einen Extrapunkt, bevor der Ball zum ballfernen Flügelspieler verlagert wurde.