Türchen 19: Priming – Wie bringe ich meine Spieler dazu, zu tun, was ich will?

von Johannes Burr

Heute machen wir einen Abstecher auf eine Meta-Ebene, die über den gesamten Kalender mitschwingt: Wie kann ich als Trainer meine Spieler dazu zu bringen, sich auf dem Platz so zu verhalten, wie ich es mir wünsche?

Kurz erklärt: Priming als psychologisches Prinzip

Grundsätzlich meinte Priming das psychologische Prinzip, nach dem die Verarbeitung eines Reizes, durch einen zuvor präsentierten Reiz erleichtert wird. Priming meint Bahnung.

Folgender Witz baut darauf auf: Welche Farbe hat Schnee? Welche Farbe hat die Wand hinter Ihnen? Welche Farbe haben Wolken? Was trinkt die Kuh?

Wenn Sie auf die letzte Frage „Milch“ antworteten, liegt das daran, dass die zuvor immer wieder an die Farbe weiß dachten, welche in einer Assoziation zu Milch steht. Subconscious Priming nennt man diesen Effekt, der durch die Annahme eines assoziativen Netzwerks in unserem Gehirn erklärt wird.

Das Konzept des Primings wurde in der Folge auf multimodale Effekt ausgeweitet. So könne sich auch Verhalten durch verbale und optische Reize primen lassen. Für Trainer zentral ist aber nur der Gedanke, dass sie versuchen können und sollten durch ihr Training unter der Woche bestimmtes Verhalten zu primen – also wahrscheinlicher zu machen. So kann der Trainer indirekt seine Ideen auf dem Platz verwirklichen und Gegneranpassungen vornehmen oder einfach Emergenzeffekte zwischen seinen Spielern erzeugen.

Verschiedene Möglichkeiten zu primen

Verbal erklärend

Die offensichtlichste Variante ist wohl, seinen Spielern zu sagen, was man will. Am Wochenende will ich, dass wir hoch pressen? Im Strafraum sollen sie mannorientiert sein? Ich sag’s ihnen halt!

Diese Möglichkeit hat bereits jeder von uns genutzt, es sollte aber auch klar sein, dass es nicht immer die erfolgreichste ist. Stefan dribbelt immer zu viel? Hilft es wirklich, ihm das zum 20. Mal zu sagen?

Hier ist es enorm wichtig, die Perspektive des Spielers einzunehmen und sich zu fragen, warum er jeweils so handelt. Selten ist es eine vollends bewusste Entscheidung, sondern eher eine Mischung daraus, wie der Spieler Situationen wahrnimmt, welche technischen Möglichkeiten er hat, und wie beides interagiert.

Es ist deshalb viel effektiver, seine internale Interpretationsstruktur versuchen zu verändern (oder die Situation in der er sich auffinden wird = Einbindung). Siehe: folgendes Verhaltensmodell

Trotzdem bleibt die verbale Ansprache ein wichtiges Werkzeug eines jeden Trainers, seine Mannschaft lenken zu können. Trotzdem sollte uns immer bewusst sein, dass sie limitiert ist. Und wenn die Spieler es nicht umsetzen, ist auch der Trainer schuld. In der Folge sollen wirkungsvollere Varianten beschrieben werden

Besser: Emotionale Ansprache & Erklärungen

Es sei erwähnt, dass zu einer guten Aufforderung immer auch eine Erklärung gehören sollte. Diese erläutert den Hintergrund, wann die Handlung sinnvoll ist, und ist daher deutlich überzeugender und wird daher auch wahrscheinlicher umgesetzt.

Zusätzlich sei die Variante der emotionalen Ansprache erwähnt. Emotional lassen sich viel kompakter und persuasiver Verhaltenstendenzen transportieren. Nach einem sehenswerten Spiel zwischen Liverpool und ManCity wurde der Inhalt der Halbzeitansprache Jürgen Klopps bekannt.

Darin reagierte auf die hohe Balldominanz Citys, indem er seine Spieler aufforderte mutiger zu spielen. „Wenn sie den Ball von euch wollen, müssen sie euch töten.“ Tatsächlich gingen seine Spieler in der zweiten Halbzeit mehr Risiko und konnten den Ball länger halten und so vom eigenen Tor weghalten.

Motorisch einschleifend

Die einfachste Möglichkeit auf dem Platz, seinen Spielern Anweisungen mitzugeben, ist, sie einfache Übungen durchführen zu lassen. Hiermit sind simple Übungsaufbauten gemeint, bei denen das einzuübende für sich alleine, einschleifend ausgeführt ist. Dadurch kann sehr einfach eine Übung konstruiert werden, die das geforderte Verhalten primt.

Der Nachteil hierbei ist, dass der Lernfaktor beim Einschleifen deutlich geringer ist. D.h einerseits gibt es einen nur geringen Lernzuwachs im motorischen, aber auch das Priming auf ein bestimmtes Verhalten ist weniger einprägsamer. Das liegt daran, dass die Spielsituation zu stark simplifiziert wurde, wodurch essentielle Cues fehlen, die das eingeübte Verhalten in der Spielsituation am Wochenende triggern könnten.

Differenzielle Spielformen

Grundsätzlich sind fast alle Spielformen, die ihr in diesem Adventskalender findet differenzieller Natur. Hierzu sei Renes Buch genannt.

Erster Vorteil ist hier also die schlichte Überlegenheit im motorischen Lernen sowie die konditionelle Ähnlichkeit zur Wettkampfbelastung.

Darüber hinaus prägt sich das zu primende Verhalten auf besser ein – wenn die Übung denn sinnvoll konstruiert ist. Das liegt daran, dass mehr realtitätsnahe Cues verknüpft werden, die in der realen Spielsituation das Verhalten triggern können. Cue meint „Schlüssel“, der verwendet wird, um Gedächtnisinhalte abzurufen. Mit einem bestimmten Verhalten sind all solche situativen Cues verknüpft, die in den Situationen enkodiert wurden, als das Verhalten ausgeführt wurde. Sie können wiederum das Verhalten triggern.

Es muss also das Ziel sein, eine Übung zu konstruieren, die auf natürliche Weise das geforderte Verhalten nahelegt. Das erreicht man typischer Weise durch Anpassung der äußeren Belohnungstruktur (Tore nach Direktabschluss zählen doppelt) oder der äußeren Regeln (max. 2 Kontakte oder besondere Feldlinien). Beides soll die Trainierende spielerisch selbst das gewünschte Verhalten zu entdecken. Dadurch ist es automatisch einprägsamer.

Wichtig hierbei ist allerdings, dass es diese Verbindung zwischen Cues im Training und solchen, die das Verhalten im Spiel triggern sollen, auch tatsächlich gibt. Man muss also Anknüpfungspunkte zwischen typischen Spielsituation (z.B. unser Innenverteidiger hat den Ball relativ unbedrängt in der eigenen Hälfte) und geplantem Folgeverhalten knüpfen. Übe ich ein Verhalten ein – wie z.B. Schnittstellenläufe bei offener Position im Zwischenlinienraum – hilft das wenig, wenn ich vorher nicht sicherstellte, dass meine Mannschaft auch in diese Situation gelangt.

Zusammenfassung

Das Konzept des Primings wurde vorgestellt, weil es ein nützliches Konstrukt für Trainer ist, um die Wirkung seines eigenen Trainings besser zu konzeptionalisieren. Man kann es sich so vorstellen, dass ein Verhalten, dass häufig ausgeführt wurde, in ähnlichen Situationen wieder gezeigt werden wird. Dies kann durch halbstandartisierte, besser aber komplexe Spielformen erreicht werden, wie sie allesamt in diesem Kalender zu finden sind.

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