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Fussball mit Konzept

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Türchen 13: Offene Stellung

Von Lukas Brandl, Autor bei „Talentkritiker“ und U11-Trainer bei Wacker Burghausen

,,Offene Stellung” – wie es in der interpretations- und meinungsreichen Welt des Fußballs so ist, werden wohl auch unter dieser Begrifflichkeit fünf verschiedene Leser im Detail fünf verschiedene Dinge verstehen. Wie unterschiedlich diese sein könnten, verdeutlichen kleine Ausdifferenzierungen der Begrifflichkeit.

So würde beispielsweise ,,ergebnisoffene Stellung” sogar fast das Gegenteil von ,,offenbarende Stellung” meinen, ,,Stellung” könnte der eine Leser als ,,Einstellung” begreifen, ein anderer als ,,Körperstellung”. Deswegen ist es anfangs wichtig, klarzustellen, welchen Zweck eine offene Stellung verfolgen kann – das ,,Was” ergibt sich sozusagen aus dem ,,Wofür”.

Einigkeit sollte darüber bestehen, dass ein Spieler auf dem Platz stets danach strebt, handlungsfähig zu sein, und letztendlich will das Prinzip der offenen Stellung helfen, das umzusetzen, indem zum Beispiel ein Mittelfeldspieler, der im Spielaufbau zwischen die Innenverteidiger stößt, und den Ball vom Torwart erhält, diesen mit dem ersten Kontakt so mitnimmt, dass er nun, um 180° gedreht, wieder das eigene Tor im Rücken und Handlungsmöglichkeiten nach vorne hat.

Oder ein Spieler im vorderen Drittel, dessen Positionierung beim Anbieten Einfluss darauf haben wird, ob er in ein frontales 1vs1 gehen können wird oder nicht – prominentes Beispiel ist eine Szene aus dem Training von Manchester City, in der Pep Guardiola diesen Umstand Raheem Sterling näher zu bringen versucht.

Wichtig zu erkennen ist jedoch, dass eine solche Positionierung nicht pauschal dem Zweck umfänglichen Handlungsfähigkeit dient, denn der Wert einer ,,Stellung” ist immer davon abhängig, wie Mit- und Gegenspieler stehen, welche Spielsituation gerade abläuft und welchen Plan es gibt.

Als Beispiel zu nennen wäre Sandro Wagner in der Saison 15/16 für Darmstadt 98, als er regelmäßig bewusst Zuspiele (oft lange Bälle) mit dem Rücken zum gegnerischen Tor angenommen hat, um die nachrückenden Mittelfeldspieler zu sehen un den Ball entsprechen ablegen zu können, selbst wenn es die Möglichkeit gab, das Zuspiel nach vorne mitzunehmen. Dies entsprach schlicht dem Plan und den Fähigkeiten der beteiligten Spieler und war demzufolge auch sinnvoller, als eine ,,offene Stellung” zu suchen.

Zudem kann im Sinner der Handlungsfähigkeit auch eine geschlossene Stellung offener als eine offene Stellung sein, etwa um den Gegner zu locken, als Teil einer Finte im weitgefassteren Sinn (Provokation), ein Beispiel wäre Neymar, der gegen RC Strasbourg aus einer scheinbar offenen Stellung in eine geschlossene wechselt, während der Gegner (man blicke auf die Viererkette) seine defensive Grundordnung wieder herstellen möchte, Neymar damit aber einige Spieler des Gegners zum Pressing lockt und die entstehenden Lücken nutzt (ab Sekunde 18).

Gerade dieses Beispiel zeigt aber auch, wie abhängig eine offene Stellung von seinen Akteuren und der Situation ist. Bleibt festzuhalten: Die offene Stellung, der man sich trainingstheoretisch in diesem Artikel annähern will, kann nicht über pauschalisierend als optimal erklärte Positionierungen gelehrt werden. Wie aber dann?

,,I try to have a picture when I receive the ball and know where everyone is. That’s one of the most important things for a midfielder”, erzählt Frenkie de Jong im lesenswerten Guardian-Interview und trifft damit den Nagel auf den Kopf, wenn es darum geht, wovon eine offene Stellung abhängig ist.

Egal, ob ein Spieler bereits den Ball hat oder ihn bekommen wird – ohne zu wissen, was ihn umgibt, wird er nicht in eine offene Stellung gehen können. Deshalb kann das Trainieren dieses Prinzips niemals losgelöst vom Kontext, in diesem Fall eben der Wahrnehmung und der Erschaffung einer ,,inneren Karte”, erfolgen.

Trainingsform

Das Trainingsziel sollte also sein, den Spielern bewusst zu machen, wie wichtig es ist, stets eine Ahnung der Umgebung zu haben und daraus die entsprechenden Konsequenzen bei der Positionierung zu ziehen.

Aufbau der Spielform: 4vs2 in einem rechteckigen Feld, welches wiederum eine rechteckige vordere Zone, ein kleines Quadrat im Zentrum sowie ein Dekagon, das an die vordere Zone angrenzt (Außenbereich des Hexagons, in dem sich das Quadrat befindet).

Der scheinbar komplizierte Aufbau des Feldes resultiert aus der Absicht, keine Pässe über wenige Meter zuzulassen, da dies nicht hilfreich für das ausgewählte Pinzip wäre, resultierend aus der sinkenden Bedeutung der Stellung, da die Passwinkel kleiner würden.

Regeln: Die Spielform startet durch das Eindribbeln/-spielen eines roten Spielers vom unteren Feldrand, wo sich der Ballpool befindet. Rot kann nun Punkte erzielen, indem sich einer der Spieler im zentralen Quadrat anspielen lässt und daraufhin einen Mitspieler im Dekagon anspielt (1 Punkt) oder in der vorderen Zone (2 Punkte).

Blau kann Punkte durch Balleroberung (1 Punkt) erzielen (Ball wegschlagen bringt keinen Punkt) und anschließenden erfolgreichen Pass zum Mitspieler (2 Punkte). Zudem darf Blau das zentrale Quadrat nur betreten, sobald ein roter Spieler darin einen Ball berührt hat. Weitere Regeln werden in der folgenden Übungsbeschreibung im Kontext genannt.

Erfahrungsbericht aus dem alltäglichen Coaching

Im Praxistest mit meiner U11 im Nachwuchsleistungszentrum Burghausen stellte sich schnell heraus, dass Blau die 1-Punkt-Pässe von Rot in Kauf nimmt und versucht, etwaige Passwege ins vordere Drittel zuzumachen, indem sich, der Logik des Deckungsschatten folgend, nah am oberen Ende des zentralen Quadrats positioniert wurde. Rot musste nun Wege finden, Blau aus dieser gemütlichen Haltung zu locken – methodisch kann man das befeuern, indem man als Regel für Rot ergänzt, dass fünf 1-Punkt-Pässe hintereinander zwei Extrapunkte bringen o.Ä., das funktionierte gut.

Hatte Blau den Ball erobert oder sogar noch einen Pass drangehängt, setzt der ballpoolnächste Spieler von Rot das Spiel unaufgefordert fort, sofern der Ball nicht von Rot rückerobert wurde. Auf Kontertore für Blau wurde bewusst verzichtet, da dies die Intensität der Spielform zu sehr auf einen anderen Fokus gelegt hätte (in einem 4vs2 kommt es doch zu einigen Ballverlusten, gerade bei einer U11).

Die Spielform verfolgt das formulierte Trainingsziel nun insofern, als dass der Spieler von Mannschaft Rot, der sich im zentralen Quadrat befindet (oder es besetzen möchte), permanent gefordert ist, die Positionierung und Laufrichtung seiner Mit- und Gegenspieler abzuklären und auszunutzen.

In der Praxis war ein interessanter Prozess erkennbar: Anfangs ließ der rote Zentrumsspieler den Ball fast ausschließlich klatschen, auch die Mitspieler positionierten sich entsprechend fast immer seitlich oder unter dem Quadrat.

Fast immer, wenn der Versuch unternommen wurde, in die vordere Zone zu spielen, wurde der Ball verloren. Der nächste Schritt war nun, Rot daran zu erinnern, sich regelmäßig umzusehen – dies wurde umgesetzt, und nun ließ sich oft beobachten, dass der aktuelle Zentrumsspieler sich zwar umsah, bis zum Ballerhalt aber so viel Zeit verstrich, dass attraktive Abspielmöglichkeiten bereits verstrichen waren.

An diesem Punkt  kam die ,,offene Stellung” ins Spiel – der Spieler im Zentrum muss als Folge an seine Beobachtungen bereits seine nächsten Schritte, seine eigene Stellung, einleiten, um das schmale Zeitfenster der Aktionsmöglichkeit auszunutzen, wenngleich das nicht bedeutet, dass eine pauschale, nach vorne gerichtete Stellung antrainiert werden soll – denn dieser Plan lässt sich in seiner Vorhersehbarkeit von Blau leicht verteidigen.

Das merkte auch Mannschaft Rot, und begann, Blau durch Körperstellung zu manipulieren, zum Beispiel, indem ein Pass nach Außen suggeriert und von Blau entsprechend zugelaufen wurde, der rote Spieler dann aber mit dem ersten Kontakt in die andere Richtung drehte und tief spielte. Oder aber auch, indem der Zentrumsspieler provokativ spät aufdrehte, wissend, dass ein Blauer Spieler im Begriff war, ihn zu attackieren, und diesen dann wegen dieses Wissens im 1vs1 problemlos ausspielen und den Pass in die vordere Zone spielen konnte.

Diese Dinge lassen sich nicht explizit trainieren, sie sind auch in ihrer engen Situationsabhängigkeit und der damit verbundenen Instabilität mit viel Risiko verbunden, doch Spielformen wie diese zwingen die Spieler zu riskanten und kreativen Lösungsversuchen. Selbstverständlich ist darauf zu achten, die Spieler gleichmäßig in beiden Teams einzusetzen, ,,nebenbei” ist natürlich auch Blau permanent gefordert, zu defensiven Lösungen in Unterzahl zu kommen.

Grundsätzlich lässt sich meiner Erfahrung nach die offene Stellung gut im Training ansteuern, wenn ein gewisser Handlungsdruck für die Akteure erzeugt wird. Durch eine entsprechende Positonierung/Stellung, bzw. noch grundlegender: Durch die Kenntniss der Umgebung ergeben sich oft erst andere Möglichkeiten, die sonst unentdeckt blieben, oder aber eine eine ausgeführte Aktion erscheint in der Retroperspektive als alternativlos, obwohl sie erst durch die Stellung des Spielers (bzw. seine nicht vorhandene oder nicht aktuelle ,,innere Karte”) alternativlos wurde.

Die offene Stellung im Sinne des Spiels ist also eher eine planvolle Stellung oder eine ermächtigende Stellung.