Türchen 1: Nach vorne verteidigen und jagen

Von David Goigitzer

Regeln

  • Spiel startet immer aus der roten Zone, mit Rot im Ballbesitz
  • Nach 6 gespielten Pässen (in der roten Zone) darf Rot ein Tor erzielen. Rückpass stets erlaubt
  • Blau versucht Ball zu gewinnen. Ist dies nicht möglich, soll ein Rückpass erzwungen werden. Wird der Ball gewonnen, soll auf das Tor der Roten gekontert werden. Ein Rückpass von Rot in eine andere Zone (z.B. rote Zone in gelbe Zone) ergibt einen Punkt für Blau. Ein Tor von blau auf das Großtor zählt 2 Punkte.
  • Abseitslinie ist die Grenze zwischen roter und gelber Zone
  • Blauer Endzonenverteidiger wird nach 6 Pässen oder Rückpass in gelbe Zone von Rot freigeschaltet. Blauer Pressingspieler in gelber Zone wird nach Rückpass von Rot freigeschaltet.
  • Für Rot gilt 10 Pässe=1 Punkt, Tor auf Minitor = 2 Punkte
  • Geht der Ball bei Ballbesitz Rot ins Aus, wird ein Ball zu Blau gespielt, damit diese einen Konter fahren können.

Das nach vorne Verteidigen und Jagen hat spätestens mit Jürgen Klopp’s Aufstieg eine große Beliebtheit bei Trainern erlangt. Das aggressive Anlaufen und Attackieren des Balles brachte vor allem in Deutschland eine kleine Revolution mit sich, die deutsche Bundesliga wurde zur „Pressingliga“. Auch für mich hatte ich entschieden, lieber meine Mannschaften den Ball jagen zu lassen, als passiv zu verteidigen, weshalb ich folgende Spielform zum Adventkalender-Auftakt gewählt habe.

Aufbau

Auf einem etwas verengten, halben Feld werden vier Zonen markiert. Eine Endzone mit zwei Minitoren, eine Mittefeld- und gleichzeitig Startzone, eine Angriffszone und schlussendlich der Strafraum. Das etwas engere Spielfeld soll den verteidigenden Spielern zum einen etwas kürzere Wege im Pressing geben, um die Belastung etwas zu steuern.

Die Anzahl der Wiederholungen aller Fußballaktionen soll hoch bleiben, damit gelernt werden kann, jedoch möchte ich nicht, dass übermäßige Ermüdung diesem Lernen nach einigen Wiederholungen im Weg stünde. Die zwei Minitore sollen zum einen den Halbraumfokus in der Offensive intensivieren, zum anderen die verteidigende Mannschaft natürlich zum Verschieben bringen.

Lernen

Auch, wenn es den meisten Lesern dieses Kalenders nichts Neues ist, denke ich, dass es wichtig zu erwähnen ist: der Fokus des Trainings ist das Erlernen von Verhaltensweisen, die man auf dem Platz wiedererkennen will. Alles soll daraufhin abzielen, jede Entscheidung im Trainingsdesign soll gut erklärbare Gründe haben. Dafür ist das detaillierte Bewusstsein über den eigenen Spielstill natürlich essentiell. Deswegen breche ich das Design dieser Übung auseinander und erkläre den Nutzen.

Wie bereits erwähnt, hat das etwas verengte Spielfeld mehrere Gründe. Zum einen, die vorher erwähnte Belastungssteuerungen. Die Fußballaktionen des Ansprintens, der Deckungsschattennutzung, der Orientierung und so weiter werden weiterhin in einer hohen Wiederholungszahl und hohen Intensität ausgeführt.

Dies führt zu mehr verarbeitbaren Erfahrungswerten, die durch Coaching in Pausen noch intensiviert werden können. Das Match wird also in „Momenten“ repliziert, die Belastung jedoch nicht. Da hier nur 9v8 gespielt wird, war es mir wichtig, nicht die komplette Breite zu nutzen, um spielnähere Staffelungen, vor allem in den Distanzen zueinander, zu kreieren.

Zudem wird natürlich der Druck auf die ballführende Mannschaft höher, wenn das Feld enger ist. Vor allem in der Mittelzone zu Wiederholungsbeginn ist schnelle Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit wichtig. Dinge, die meines Erachtens nach stets der Fokus in der Entwicklung von Spielern stehen sollte.

Denn neben athletischen Komponenten, spielt vor allem die schnellere Handlungsschnelligkeit die größte Rolle im Niveau-Unterschied zwischen Mannschaften und Ligen. Durch die Enge des Feldes wird vor allem die konternde Mannschaft zu vertikalen Aktionen gezwungen, das Spieltempo im Konter wird erhöht und Tiefgang gefördert.

Die Zonen dienen vor allem in Verbund mit den Regeln als Hilfe für die Spieler, bestimmte auslösende Momente zu erkennen und darauf zu reagieren. Die rote Zone soll das Mittelfeld darstellen. Hier sollen vor allem Mittelfeldspieler und Außenverteidiger lernen, die Zirkulation des Gegners aggressiv zu unterbinden und den Ball zu gewinnen. Der Ballvortrag des Gegners in „unser“ letztes Drittel soll mit allen Mitteln verhindert werden.

Erst nach 6 Pässen darf der Gegner in die violette Zone. Dies soll beim Intensitätsaufbau im Verteidigen helfen, Aggressivität im Anlaufen fördern und natürlich implizit auch das Ballbesitzspiel. Die Aggressivität im Anlaufen fördert die Regel deswegen, da Fehler im Anlaufen nicht sofort mit einem Durchbruch des Gegners resultieren können, und somit womöglich die Moral der Spieler schwächen und zu Vorsicht verleiten.

Denn nach, ein, zwei schnellen Gegentoren sichert man oftmals lieber das eigene Tor zuerst und wird passiv. Vor allem wenn es um Umgewöhnung der Spieler geht, sehe ich Regeln als Mittel zur Förderung des Mutes als sehr hilfreich an.

Coachingpunkte

Allem voran sehe ich die Intensität im Pressing und das Attackieren des Balles als Hauptpunkt im Coaching. Hier ist emotionales Coaching durchaus hilfreich, dennoch sollten Klare Anweisungen in der Verbesserung des Pressings nicht zu kurz kommen. Da in Unterzahl verteidigt wird, kann vor allem auf die Verwendung des Deckungsschattens hingewiesen werden.

Das Umblicken im Verteidigen, das Bewusstsein für die gegnerischen Optionen, sowie das gegenseitige Coaching können die Organisation im Pressing und somit die Effektivität deutlich verbessern. Die Spieler sollen lernen, worauf sie zu achten haben und wie sie ihr Verhalten auf die Gegebenheiten im Spiel anpassen können.

Um das Verteidigen nach vorne noch effektiver zu machen, braucht es natürlich eine gewisse Automatisierung. Zwar kann gegenseitiges Coaching helfen, im Idealfall nehmen die Spieler die selben Situationen wahr und entscheiden sich gemeinsam für die den Spielstil entsprechenden Aktionen.

Für das nach vorne Verteidigen ist somit nicht nur das Erkennen von Pressingauslösern (die je nach Team definiert werden sollten) und das intensive Ansprinten, sondern auch das Durchsichern dahinter. Wenn das gemeinsame Denken greift, dann müssen die Anlaufenden nicht ihre Zeit verschwenden um sicher zu gehen, dass der Mitspieler durchsichert, sondern können im Vertrauen auf den Ball gehen.

Das Erzwingen von Rückpässen und Nachpressen ebenjener, auch als „Jagen“ zu bezeichnen, stellt den nächsten Coachingpunkt dar. Wird ein Rückpass in eine Zone dahinter erzwungen, gibt es einen Punkt für das Pressingteam, zudem wird in der gelben Zone noch ein weiterer Pressingspieler freigeschaltet. Dieser soll diese Rückpässe antizipieren und entweder abfangen oder gleich anpressen können.

Der Gegner soll nach hinten gedrückt und der Ball im Idealfall gewonnen werden, damit ein Konter auf das große Tor gestartet werden kann. Der Vorteil eines Konters in solchen Situationen ist, dass die pressenden Spieler sich bereits im Sprint befinden und so einen klaren Geschwindigkeitsvorteil gegenüber den gegnerischen Verteidigern haben.

Gegenpressing, sowie passende Ballzirkulation wird in dieser Übung ebenfalls implizit gelehrt und kann bei Bedarf auch explizit korrigiert werden. Vor allem, wenn das Pressing zu leicht wird, muss die Ballbesitzphase gecoacht werden, damit die Herausforderung für das verteidigende Team groß bleibt.

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