Wales Pressing: Flexibel, optionsorientiert, gut

„When you have players like Aaron Ramsey, Gareth Bale and Joe Allen, you’ve got to play football. Get the best out of your best players, and you get the best out of your team.
Our only gripe in the England group game was we didn’t pass the ball – we have in every other game. We wanted to come and show people we can be a very offensive team. And we’ve done that.“

Chris Coleman

Diese Zitat sagt eigentlich alles über Wales. Coleman hat ein Team geschaffen, dass offensiv und defensiv extrem mutigen und modernen Fußball zeigt. Um Allen, Ramsey und Bale ist ein Team entstanden, was in der Lage ist, die qualitativ stark überlegene Belgier offensiv und defensiv zu dominieren. Im folgenden werden wir das Pressing und die Endverteidigung von Wales analysieren.

Pressing

Die Variabilität ist auch im Pressing die größte Stärke von Wales. Durch ihr 5-2-3 System können die Waliser unglaublich schnell neue Pressingstaffelungen herstellen und so den Gegner sehr flexibel unter Druck setzen.

Gerade die vorderen drei Spieler sind sehr flexibel und können je nach Gegner in unterschiedlichen Rollen auftreten. Gegen Russland lies sich zum Beispiel Ramsey oft fallen, da es keinen Sinn machte gegen das auf lange Bälle fokussierte Aufbauspiel von Russland Druck auszuüben. Im 5-2-3 hätte man zwar eine bessere Präsenz in der  vorderen Linie gehabt, dafür wären bei langen Bällen aber weniger Spieler im Zentrum und in den Halbräumen gewesen. Also bildeten sie eher eine 5-3-2 Formation. Ramsey schob neben Allen und Ledley, die nun eine große Fläche im Zentrum abdeckten. Bale und Volkes standen höher und breiter. Sie arbeiteten viel mit Deckungsschatten und lenkten das Spiel durch ihre sehr breite Stellung ins Zentrum. Dort hatte Wales eine große Präsenz und konnte den Ball abfangen und sehr sauber gewinnen. Die russischen Spieler standen zu hoch und versackten in den Deckungsschatten von Allen, Ledley und Ramsey. Teilweise gab es absurde Situationen in denen der Sechser oder der Innenverteidiger von Russland bis weit in die gegnerische Hälfte durch komplett offene Räume lief, aber keine Anspielstationen fand.

5-3-2. Ramsey lässt sich fallen. Bale und Volkes stehen breit und nehmen die Außenverteidiger in den Deckungsschatten. Das Spiel wird nach vorne gelenkt, dort isoliert und über dynamische Zugriffe wird der Ball gewonnen.

5-3-2 von Wales.

Gegen Belgien agierten die drei vorderen Spieler dann wieder öfters auf einer Linie und erzeugten ein 5-2-3. Sie orientierten sich im Raum und standen sehr eng. Dadurch wurde das Zentrum und die Sechser von Belgien zugestellt. Lies sich Wiesel oder Nainggolan fallen verfolgte man sie lose, hielt aber gleichzeitig noch eine enge Verbindung zu den zwei anderen Stürmern. So bildeten Ramsey, Bale und Robson-Kanu ein enges Netz im Zentrum.So lenkten sie den Ball im Aufbauspiel von Belgien viel auf die Außenverteidiger. Diese hatten schon gegen Italien gezeigt, dass sie starke Probleme mit der Spieleröffnung hatten und auch die Verbindungen von Belgien an die Außenverteidiger sind nicht ideal. So konnte Wales durch das intelligente und variable Pressing Belgien sehr gut bändigen.

5-2-3. Enger Dreiersturm, der das Zentrum und die belgischen Sechser zu stellt. Spiel wird auf die Außenverteidiger gelenkt.

5-2-3 von Wales. Nainggolan und Witsel versacken im Netz von Wales. Lukaku wird freigelassen und ist mit dem Aufbauspiel aber komplett überfordert.

Das Pressing wird also gut an den Gegner angepasst. Durch simple und kleine Veränderungen kann der Gegner komplett aus dem Konzept gebracht werden.

Trotzdem ist Wales Pressing sehr geduldig und sie gehen keinesfalls in aggressiver Weise auf den Gegner. Sie bleiben passiv und das Ziel ist es den Gegner in möglichst isolierte Situationen zu lenken. So gewähren sie dem Gegner zwar viel Zeit am Ball, können defensiv aber auch saubere Ballgewinne einfahren, da sie den Gegner meistens zu Fehlpässen zwingen. Diese sind leichter zu verarbeiten und der Konter kann kontrollierter und effektiver gestartet werden.

Das Ziel ist den Gegner zu lenken und die wichtigen Passwege zu verstellen, so kann der Gegner isoliert werden und seine offensive Stärken nicht ausspielen.

In der Defensive drücken die Waliser ihr Konzept durchgehend durch, wissen aber auch durch eine hohe Flexibilität zu bestechen.

Optionsorientierte Raumdeckung

Dieser Begriff wurde von Spielverlagerung.de oft im Zusammenhang mit Swansea unter Laudrup verwendet. Grob kann man sagen, dass diese Art von Verteidigung sich vor allem darüber definiert, dass sich die Spieler an den Gegner anpassen und so je nach Situation variabel Druck ausüben können.

Wales zeigt defensiv durchaus Grundsätze dieser Deckung, aber sie folgen auch viel stärker bestimmten Regeln, als dies zum Beispiel die Spieler von Swansea taten. Jeder Spieler hat bestimmte Aufgaben, die er aber sehr flexibel erfüllen kann. Da das defensive Verhalten anders schwer zu erklären ist, werde ich im folgenden die Rollen der einzelnen Spieler vorstellen.

Innenverteidiger und Wing-Backs

Die drei Innenverteidiger agieren zum Beispiel sehr mannorientiert. Die starken Mannorientierungen von Chester, Williams und Ben Davies werden entweder über die Mechanismen in der Fünferkette oder über die zwei Sechser abgesichert. Auch die beiden Wing-Backs können sehr aggressiv aus der Kette herausschießen und den Ball attackieren. Oft liegt der Fokus bei diesen herausrückenden Bewegungen darauf den Ball direkt abzufangen oder den Gegner bei der Ballannahme so zu stören, dass er sein Sichtfeld nicht drehen kann. Genau dann kommen solche aggressiven Bewegungen überraschend und der Zugriff und die Balleroberung fällt leichter. Der Spieler der angespielt wird ist nun damit überfordert, den Ball anzunehmen, die Informationen um ihn zu verarbeiten, die Gefahr einzuschätzen und eine Entscheidung zu treffen. Ein Spieler der den Ball schon länger hat, kennt seine Umgebung, kann die Gefahren besser einschätzen und hat eine Kontrolle über den Ball.

Taylor rückt aus der Kette. Gunter lässt sich fallen. Es entsteht fasst eine 4-2-3-1 Formation.

Taylor rückt aus der Kette. Gunter lässt sich fallen. Es entsteht fasst eine 4-2-3-1 Formation. .

Chester folgt seinem Gegenspieler bis ins Mittelfeld. Gunter erkennt dies und lässt sich direkt fallen. Dadurch entsteht eine sehr kompakte 4-3-2 Staffelung. Wales hat sich sehr einfach und effektiv an die Staffelung des Gegners angepasst.

Chester folgt seinem Gegenspieler bis ins Mittelfeld. Gunter erkennt dies und lässt sich direkt fallen. Dadurch entsteht eine sehr kompakte 4-3-2 Staffelung. Wales hat sich sehr einfach und effektiv an die Staffelung des Gegners angepasst.

Wenn einer der drei Innenverteidiger herausrückt, sind es meistens Allen oder Ledley die sich fallen lassen und absichern.

Willams

Williams rückt heraus. Dadurch kann Dzyuba sich nicht in den offenen Raum drehen. Wird nach außen getrieben und gleichzeitig von Allen gepresst. Ledley lässt sich fallen und stellt direkt eine Viererkette her. Dadurch könnte auch bei einer Ablage von Dyzuba keine Gefahr entstehen.

Die Sechser

Allen und Ledley bilden die Zentrale bei Wales. Defensiv haben die beiden eine leicht unterschiedliche Rollenverteilung, die aber sehr gut zu ihnen passt. Ledley verhält sich ein wenig mannorientierter. Er steht tiefer und beschränkt sich viel darauf die Wing-Backs und die drei Innenverteidiger abzusichern. Ledley schiebt oft zum Flügel und sichert dort die rausrückenden Verteidiger ab. Außerdem lässt er sich oft in  die Lücke zwischen Wing-Back und Innenverteidiger fallen, so kann die Fünferkette nicht so einfach auseinander gezogen werden. Die Schnittstellen bleiben klein und die Wing-Backs und Halbverteidiger sind in ihren Mannorientierungen freier.  Am Flügel agiert Wales generell sehr mannorientiert, oft tun sie dies aber nur innerhalb einer kleinen Fläche und die Mannorientierungen sind sehr gut abgesichert.

Die Stürmer und Sechser schieben sehr gut zum Ball, achten dabei vor allem darauf die Passwege oder den Raum nach innen zu blocken. So werden die Gegner am Flügel isoliert. Dort können sie sich gegen die aggressiven Mannorientierungen kaum Raum verschaffen und der Angriff endet meistens in einer Flanke.

Ledley

Ledley schiebt zum Flügel und nimmt den russischen Spieler in Manndeckung. Dadurch kann Ben Davies im Zentrum bleiben und die Präsenz im Strafraum sichern. Interessant auch, wie sich Volkes in den Raum von Ledley fallen lässt. Bei Wales balanciert eben auch der Stürmer die Sechser aus. Ramsey stellt sich in den Passweg und verhindert Rückpässe auf den Sechser.

Im Pressing harmonieren Allen und Ledley ebenfalls sehr gut. Einer der beiden kann nach vorne rücken und das Pressing unterstützen. Der andere steht oft etwas tiefer und kann die Situation mit etwas Überblick absichern. Dies funktioniert sehr gut, wie man in der folgenden Szene sehen kann.

Joe Allen

Ledley rückt aggressiv nach vorne und nimmt den Gegner in Manndeckung. Dadurch muss Russland in dieser Situation verlagern. Allen steht tiefer, kann direkt auf den Ball schieben und das Zentrum durch seinen Deckungsschatten versperren. In der Zeit kann sich Ledley wieder fallen lassen. Das Zentrum ist geschloßen und Russland am Flügel isoliert.

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