Der decoy run und das „Raum öffnen“

In dem Film „Take the ball, pass the ball“ redet Thierry Henry über eine Aktion, welche er unter Pep Guardiola jedes Spiel x-mal machte. Bauten die Katalanen von hinten auf, sprintete Henry immer wieder in die Tiefe. Das war durchaus frustrierend für den Franzosen – den Ball bekam er nämlich so gut wie nie. Und doch machte er es immer und immer wieder. Warum?

Mit seinem Laufweg zog er den gegnerischen Außen- und Innenverteidiger mit. Dadurch hatte Andres Iniesta im zentralen Mittelfeld mehr Zeit und Raum für seine Aktionen.

Der Begriff für diesen Laufweg ist „Dummy-Lauf“ bzw. „decoy run“ und taucht häufig im Zusammenhang mit umtriebigen Spielern wie Thomas Müller und Antoine Griezmann auf.

Googled man die Begriffe, findet man eher unzufriedenstellende Erklärungen für den Begriff. Daher möchte ich diese Definition nachliefern – und erläutern, weshalb ich die Unterscheidung in „raumnutzender“ oder „raumöffnender“ Laufweg kompliziert finde.

Der decoy run

Bei einer Video-Suche mit dem Begriff „decoy run“ erscheint dieses Video weit oben. Die Szene ist schnell beschrieben: Che Adams befindet sich in guter zentraler Position, sein Mitspieler in tieferer Position bekommt aber den Ball. Dieser dreht nun Richtung Tor auf, woraufhin sich Adams seitlich vom Tor wegbewegt. Damit zieht er Aufmerksamkeit und Gegenspieler auf sich, öffnet also Raum und einen kleinen Orientierungsvorteil für seinen Mitspieler, welcher schließlich auch das Tor erzielt.

Warum wird diese Szene nun als decoy run beschrieben? Adams Laufweg ist ein Laufweg, den der Gegner eigentlich nicht verfolgen/aufnehmen möchte, weil damit ein anderer gefährlicher Raum entblößt wird. Ein Pass zu Adams ist in diesem Moment auch nicht die bevorzugte Aktion des Offensivteams, sondern mit dem Laufweg soll Raum für die bevorzugte Aktion des Teams geöffnet werden.

Wenn das so sonnenklar ist, dann könnte das Defensivteam Adams auch nicht beachten, oder? Ganz so einfach ist es nicht: Nehmen sie seinen Laufweg nicht auf, geht von ihm eine große Gefahr aus. Der Gegner steht also vor einem Dilemma – Adams verfolgen und das Zentrum öffnen oder Adams nicht verfolgen und frei lassen. Beides irgendwie doof. War also ein guter decoy run.

Ein Laufweg ist nicht nur „raumöffnend“

Was mich jedoch lange Zeit an den deutschen Termini und die klare Unterscheidung in „raumöffnend“ oder „raumnutzend“ gestört hat, war, dass demnach die Intention eines Laufwegs durch die Aktion des ballführenden Mitspielers bestimmt wird.

Hätte der Mitspieler bspw. in dem obigen Video Adams angespielt, hätten wohl wenige von einem „decoy run“ oder einem raumöffnenden Laufweg gesprochen. Stattdessen hätte man es wohl als raumnutzenden Laufweg nach seitlichem Ausweichen beschrieben.

Ich sehe hier das Problem, dass man sich bei dieser Definition von Laufwegen zu sehr davon abhängig macht, welche Aktionen nach dem Laufweg geschehen sind – und nicht, welche anderen möglichen Aktionen durch den Laufweg geschaffen wurden.

Ein Laufweg kann nicht raumöffnend sein, ohne dass sich der Spieler selbst während des Laufwegs oder danach ebenfalls in einer potenziell bespielbaren Situation befindet. Würde Adams in der Szene einfach schnurstracks ins Abseits sprinten, müsste der Gegner ihn nicht verfolgen. Er würde demnach keinen Raum öffnen.

Um also erfolgreich Raum öffnen zu können, muss der Spieler selbst auf eine Art Gefahr darstellen. Tut er das nicht, gibt er dem Gegner keinen Grund, auf seine Position bzw. seinen Laufweg zu reagieren.

Keine Gefahr = keine Anpassung beim Gegner

Daher muss jeder Laufweg zwei Zwecken dienen: Nimmt der Gegner den Laufweg auf, wird Raum geöffnet bzw. ein Orientierungsvorteil für die Mitspieler geschaffen. Hier ist wieder das Video von Che Adams das Musterbeispiel, weil er nicht nur den zentralen Raum vor der Abwehr aufzieht, sondern ebenfalls die Blicke der Verteidiger auf sich zieht, welche deswegen seinen Mitspieler kurz aus den Augen verlieren.

Wird der Laufweg jedoch nicht verfolgt, muss der Laufweg bespielbar sein und eine verbesserte Ballsituation darstellen. Diese Verbesserung der Ballsituation hängt von extrem vielen Faktoren wie derzeitige Dynamik, Entfernung zum Tor etc. ab. Einen großen Einfluss hat aber ebenfalls die individuelle Qualität des Spielers:

Würde man mich in einem x-beliebigen Barça Spiel statt Lionel Messi aufstellen und ich würde exakt die selben Laufwege machen, würde ich damit viel weniger Raum öffnen als Messi. Da jeder Pass zu mir auf diesem Spielniveau eine eindeutige Verschlechterung der Ballsituation für den FC Barcelona darstellen würde, würden mich die Gegner gerne frei lassen, während Messi in der selben Szene hartnäckig verfolgt werden würde.

Ein guter Laufweg öffnet und attackiert Raum gleichzeitig. Aber gibt es dann den berühmten „decoy run“ überhaupt?

Definition: decoy run

Ja, den gibt es. Es sind zwar Nuancen, aber diese entscheide darüber, ob Laufweg X eher raumöffnend oder eher raumattackierend ist. Und diese Nuancen beeinflussen ebenfalls, was die Mitspieler/Gegenspieler wahrscheinlich tun werden.

Der erste wichtige Punkt dafür: Das Blickfeld der Gegenspieler. Ein „decoy run“ sollte vor und im Sichtfeld des Gegenspielers geschehen, der aus dem Raum „weggezogen“ werden soll. Sieht der Gegner den Spieler gar nicht, kann er seinen Laufweg auch nicht aufnehmen. Ein „decoy run“ muss von den Gegenspielern gesehen werden, da der Spieler sonst keinen Einfluss auf ihre Positionierung und/oder Orientierung nehmen kann.

Daraus kann man aber ebenfalls schließen: Möchte ein Spieler vor allem Raum attackieren und den Ball bekommen, sollte er dies außerhalb des Sichtfelds der Gegenspieler tun. Der Spieler startet dann bereits mit einem Orientierungsvorteil gegenüber seinen Gegnern. Es gibt nur einen Haken: Wird ein solcher Laufweg nicht bespielt, war er im Grunde wertlos, da er keine Anpassungen des Gegners und somit keine Verbesserung der Ballsituation dargestellt hat.

Ich muss verteidigen, will aber gar nicht

Der zweite Punkt: Das Entscheidungsdilemma für den Gegner. Eigentlich möchte der Gegner diesen Laufweg nicht verteidigen, weil er damit einen wertvollen Raum preisgibt – er muss es aber, da sich sein Gegenspieler sonst in einer gefährlichen Situation befindet. Wichtig ist hierbei, dass zwischen Situation und Position unterschieden wird.

Decoy runs enden nämlich in Positionen, welche nur dynamisch wertvoll sind im Moment des Laufwegs verteidigt werden müssen. Mit dem decoy run wird jedoch ein Raum geöffnet, welcher ebenfalls statisch wertvoll ist. Dieser Raum ist ebenfalls wertvoller als der Raum, welcher vom „decoy-Spieler“ dynamisch erschlossen wird. Hier dient als Beispiel Ilkay Gündogan, welcher mit seinem Laufweg das wertvollere Zentrum für Gabriel Jesus öffnet.


Ein Exkurs von Jan-Gabriel Hartel

Auf jede Wahrnehmung folgt ein Entscheidungsprozess, wie mit dieser Information umgegangen werden soll. Nicht jeder wahrgenommene Lauf wird verfolgt. Es ist daher entscheidend, dass der decoy run den Gegner vor ein Dilemma stellt. Eine Verfolgung des Laufes öffnet einen wertvollen Raum, die Nichtaufnahme aber ermöglicht ein gefährliches Anspiel.

Decoy runs müssen also bereits ihrerseits eine wertvolle Option für die angreifende Mannschaft darstellen, während sie, im Sinne der Definition, eine weitere, noch wertvollere Option ermöglichen.

In obigen Video kann man dieses Prinzip gut erkennen. Gündogan befindet sich zentral vor dem Tor zwar in einer wertvollen Zone, hätte in enger Bewachung seiner Gegenspieler aber nur wenig Raum, um eine gefährliche Aktion auszuführen. Gleichzeitig erschwert er durch seine zentrale Position eine Bewegung von Gabriel Jesus in die Mitte.

Die Lösung besteht also darin, seinen eigenen Wert dynamisch zu erhöhen, indem er einen diagonalen Tiefenlauf ansetzt. Unaufgenommen wäre er mit diesem Lauf für einen kurzen Moment hinter der Abwehr anspielbar. Ein Risiko, das groß genug ist, um Soyüncu mitlaufen zu lassen. Letztendlich endet Gündogan seinen Laufweg in einer unanspielbaren Position am Rande des Fünfmeterraums, die natürlich weniger wertvoll als die Ausgangsposition ist.

Während Gündogan letztendlich nur irrelevant für den Angriff wird, trifft es Soyüncu schlimmer. Durch die Aufnahme des Laufs öffnet er nicht nur den zweiten Pfosten für Jesus‘ Schuss, sondern auch den potenziell effektiveren Pass auf den freien Bernardo Silva.

Die Androhung einer dynamisch wertvollen Aktion, des Anspiels auf Gündogan hinter die Kette, hat einen zentralen Verteidiger komplett aus seiner Position herausgezogen und damit einen Effekt auf den statischen Wert der Staffelung. Im Versuch, eine kurzfristige Gefahr zu bannen, wird die gesamte Situation destabilisiert.

Es gibt viele Aktionen, deren Wert nur dynamisch ist. So gut wie jeder Lauf hinter die Kette ist nur dynamisch wertvoll, da er letztendlich in einer Abseitsposition ohne kurzfristigen Wert endet. Demhingegen sind Feldpositionen, in natürlicher Abhängigkeit der gegnerischen Strukturen, recht statisch wertvoll.

Man kann an dieser Stelle einen weiteren Punkt über die Spieltheorie von Angreifer und Verteidiger anbringen. Während ein Verteidiger versuchen muss, die Gefahr durchgehend so gering wie möglich zu halten, ist es für den Angreifer ausreichend, einen einzigen Moment maximaler Gefahr zu erzeugen. Eine komplette Betrachtung dessen würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen.


Noch Luft nach oben

Der Bereich der decoy runs ist einer der Bereiche, indem im Profifußball noch viel Potenzial brach liegt. Viele Laufwege erzeugen kaum oder gar keine Anpassung beim Gegner, da sie schlichtweg nicht beachtet werden müssen. Nehmen wir beispielsweise den SC Verl.

Der Außenverteidiger spielte oft den Longline Pass zum Flügelspieler und ging sofort im benachbarten Halbraum in die Tiefe. Klingt von der Grundidee nicht schlecht: Dadurch, dass der Laufweg nicht im Raum des Ballführenden stattfindet, müsste diesem Raum geschaffen und der Gegner vor ein Dilemma gestellt werden. Verteidigt er das Überlaufen des Außenverteidigers oder das Dribbling des Flügelspielers?

Verl decoy run
Bis Ritzka Rabihic vorderlaufen hat, kann sich der Gegner eine Stulle schmieren.

In der Realität aber hatte der Laufweg keinen Effekt, außer das Verl bei Ballverlust einen Spieler weniger zur Restverteidigung hatte. Das hatte einen ganz simplen Grund: Der Laufweg des Außenverteidigers war zu keinem Zeitpunkt bespielbar für den Flügelspieler, ohne das der Gegenspieler etwas an seiner ursprünglichen Ausrichtung ändern musste.

Entweder war der Außenverteidiger so weit vom Flügelspieler entfernt, dass dieser seine Aktion schon beendet hatte, als der AV in eine gefährliche Position kam. Oder die Orientierung des Flügelspielers passte schlichtweg nicht zum Laufweg des AVs: Wenn der Flügelspieler selbst diagonal zum Tor dribbeln möchte, würde der AV nur in den Dribbelweg des Flügelspielers hineinlaufen. Das muss nicht sein.

Orientierung der Spieler muss zu Laufwegen passen

Die Orientierung der Spieler muss daher zu den Laufwegen passen. Mbappé könnte bei PSG immer wieder perfekt in die Tiefe sprinten, wenn Kimpembe und Marquinhos aber nur nach Anschlussaktionen im zentralen Mittelfeld schauen, werden seine Laufwege nichts bringen.

Ich habe keinen Einblick in den Profifußball, daher kann ich nur vermuten, was die dahinterstehenden Prinzipien sind. Wahrscheinlich etwas wie „Tiefensprint im benachbarten Raum“ oder „Laufweg orthogonal zur Dribbelrichtung“. Das ist auch alles soweit in Ordnung, es fehlen mir aber grundlegende Prinzipien, die nochmal darüber stehen.

1.Verbessere die Ballsituation. Sei dafür selbst in einer besseren Situation anspielbar oder versuch, die Anspielbarkeit eines Mitspielers zu gewährleisten oder dessen Situation zu verbessern.

2.Wertvollste Aktion ermöglichen. Wirke ich gefährlich, öffnet das Raum + Orientierungsvorteil für meine Mitspieler. Wirke ich ungefährlich, öffnet das Raum + Orientierungsvorteil für mich.

2.1 Maximiere Impact mit jeder Aktion. So einfach wie nötig, so speziell wie möglich.

Fazit

Jeder Laufweg (und generell jede Aktion) sollte dem Ziel dienen, die Ballsituation zu verbessern. Mit einem decoy run gelingt das eigentlich jedes Mal: Ein guter decoy run öffnet Raum für die bevorzugte(n) Aktion(en) des ballbesitzenden Teams und erhöht ebenfalls die Anzahl an möglichen Aktionen. Dieser Laufweg ist also raumöffnend und raumnutzend zugleich – die Entscheidung über die Verwendung des Laufwegs liegt dann beim Ballführenden.

Der Gegner wird vor ein Entscheidungsdilemma gestellt, bei welchem er eigentlich nur verlieren kann. Dieses Dilemma kann nicht erzeugt werden, wenn der Laufweg vom Gegenspieler nicht gesehen oder vom Mitspieler nicht bespielt werden kann.

Im Prinzip ist ein guter decoy run wie ein Schach Matt Zug. Der König wird Schach gestellt, wobei eine andere Figur in einer Position ist, aus der sie die Schach stellende Figur schlagen könnte.

Allerdings ist diese Figur nur in der Position, aber nicht in der Situation, aus der sie die andere Figur schlagen könnte. Verlässt sie nämlich ihre Position, wird der König von einer anderen Figur Schach gestellt.

decoy run
Schlägt der schwarze Springer den Turm, stellt die weiße Dame den schwarzen König Schach.

Schach Matt.

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