Olympique Marseille unter Marcelo Bielsa

Nach dem 6 Tabellenplatz in der Saison 13/14 war den Verantwortlichen bei Marseille klar dass es drastische Mittel benötigte um Marseille wieder im internationalen Wettbewerb festzusetzen.
Dieses drastische Mittel hieß Marelo Bielsa , welcher auf seinen Stationen zuvor durch seine offensiv geprägten Konzepte Erfolge feiern konnte.
Nicht nur mit Chile konnte er überraschende Erfolge verzeichnen sondern auch mit dem baskischen Club Athletico Bilbao.
Eine ähnliche positive Wirkung erhofften sie sich nun auch bei ihrem Verein.

Die Wirkung trat wie gewünscht ein und ermöglicht Marseille sogar eine Chance im Titelkampf.

Marseille1

Das 4-2-3-1 ist eines von OMs zwei Standartsystemen. Lemina agiert als 6er/8er sehr vertikal, während Imbula weiträumig den Sechserraum besetzt.

Marseille3

Im 3-3-3-1 agieren die Wingbacks sehr hoch und Imbula miemt den Solosechser. Die Flügelspieler agieren etwas einrückender.

Defensivspiel

Im Spiel gegen den Ball stößt Imbula häufig auf die vertikale Höhe Payets aufgrund seiner typischen Mannorietierung am halbrechten Sechser des Gegners.
Payet agierte zu Saisonbeginn oft tiefer als seine äußeren Offensivpartner, welche oft auf höheren Zwischenpositionen( zwischen gegnerischem Aussenverteidiger und Flügelspieler) pendelten.
Diese Defensivanordnung brachte einen positiven Effekt in den Flügelzonen mit sich. Payet konnte die horizontalen Verlagerungsmöglichkeiten aus seiner tieferen Position abschneiden und mithilfe der Mannorientierung des eigenen Außenverteidigers am gegnerischen Außenspieler und der Fallbewegung des eigenen äußeren Mittelfeldspielers (welcher zudem die Passmöglichkeit nach hinten verschliesst) aktiv zur Balleroberung übergehen.
Aggresive vertikale Vorstöße und eine lokale Pressingerhöhung wurden dabei oft von den Außenspielern eingeleitet. Die von Außen nach innen ziehenden Läufe wurden mit der Nutzung des Deckungsschattens ausgeführt.
Insbesondere die physisch starken Ayew und Allesandrini erreichten hierbei eine starke Endbeschleuningung in ihren Läufen.
Eine Körperpositionierung, die nicht auf eine direkte Weiterleitung ausgelegt ist, kann hierbei dem tiefstliegenden gegnerischen Spieler zum Verhängnis werden.
Ergänzt wird dieses Gebilde von den mannorientiert fokussierten Zentrumspielern(Imbula,Romao) die darauf bedacht sind jegliche ballnahe gegnerische Anspielstation ,in den Flügelzonen, in ihrem Zugriffsradius beizubehalten.

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Typisches Bild für die Ballung im Flügelbereich. Die jeweiligen Zuordnungen der Spieler sollen durch die Kreise nochmal hervorgehoben werden. Die weißen Kreise stehen für die möglichst Zugriffsausgelegte Positionierung der Zentrumspieler( Imbula, Romao) im Falle einer möglichen Befreiung aus dem Flügelbereich. Das weite raumorientierte Verschieben im mannschaftstaktischen Verbund wird durch die eingerückte Stellung des ballfernen Außenverteidgers gut hervorgehoben. Dieser findet sich(wenn man eine Linie entlang des Mittelkreises zieht) auf der rechten Hälfte des Spielfeldes wieder.

Machmal ergeben sich auch weit nach außen ziehende Pressingbewegungen der Sechser Marseilles um das Spiel des Gegners möglichst auf eine Spielrichtung zu begrenzen.
Die Öffnung des ballfernen Halbraums oder sogar des Zentrums sind die Folge dieser riskanten Herangehensweise.
Ausbalanciert wird dies durch die diagonalen Rückfallbewegungen Payets und der resultierenden Raumblockung um raumgewinnende, flache Diagonalpässe des Gegners zu unterbinden.

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Auf dem Bild erkennt man die hohe Position von Imbula, welcher sich aus seinem Grundraum gegen den Ball( weißes Viereck) löste und zu einer Raumverkleinerung im Verbund mit der leitenden Positionierung Ayews im Halbraum überging. Seine vorherige Stellung wurde durch den ballorientiert nachschiebenden Lemina übernommen. Hierbei nahm Imbula sogar eine höhere vertikale Stellung als Payet an ,welcher sich diagonal zur Absicherung fallen ließ.

Mannorientierungen und als eines der Resultate Zugriff auf die gegnerischen Spieler aber eine zu leichte Raumöffnung?

In fast allen Feldbereichen spielen die Mannorientierungen eine immense Rolle jedoch muss hierbei auch die Eingliederung der Nebenspieler in die resultierenden Freiräume(insbesondere in der Abwehrreihe ) bedacht werden.
Besonders die ineinanderübergehende Einreihung in die Defensivordnung verläuft grösstenteils harmonisch und gut aneinander angepasst wodurch die Kompaktheit beibehalten werden kann.
Bei der Umstellung auf eine Viererkette und der tieferen Orientierung der offensiven Außenspieler, können die eigenen Außenverteidiger sogar verstärkter zentraler einrücken was sich im Falle einer längeren Positionsattacke als nützlich erweisen kann.
Gerade bei den mannorientierten Herausrückbewegungen aus der zentralen Kette sind diese raumfüllenden Verschiebebewegungen der Außenverteidger wertvoll um mögliche Tiefenläufe des Gegners in die Lücken zu neutralisieren.

Offensivstruktur und Mechanismen im Spiel mit dem Ball

Das Offensivspiel kann sowohl in einem druckvollen flügellastigen als auch in einem eher zentraler angelegten und verstärkt Schnittstellennutzenden Spielstil erfolgen.
In ihren ,im Positionsspiel ausgeführten, Flankenangriffen sind die Passverbindungen nicht sonderlich an die zentralen Räume vor der gegnerischen letzten Defensivreihe angebunden.
Dadurch kommt es zu einer mannschaftlichen Abtrennung und einer eher kleinräumigen Ausbildung von attackierenden Bällen.
Dennoch ist die Präsens in den zentralen Zonen durch die sofortige direkte Orientierung in die Spitze, nach abgespielten Bällen, der Offensivreihe gegeben.
Die Abnehmer(meistens der ballferne Flügelspieler und Gignac) schieben sich dann aus weiter entfernten horizontalen Bereichen ins Zentrum des Strafraums.
In dynamischeren aus dem Zentrum kommenden Situationen bedienen sie sich oft der Gegnerbindung in der ballfernen Abwehrkette, hauptsächlich durch Gignacs gute Raumorientierung, um die klassisch nachstossenden Läufe der Außenverteidiger einzubinden. Diese sind dann oft unbedrängt vom Gegner und können mit dem aufgenommenen Tempo scharf gespielte Bälle einbringen.

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Exemplarisches Bild für den freigezogenen Raum auf dem linken Flügel für Mendy( weißes Viereck). Der blaue Pfeil zeigt die Bewegung Gignacs an welcher ,seit seiner Gegnerbindung, einen weiten Weg zurücklegte. Die Überzahlsituation im Zentrum und die Weitung der zentralen Schnittstelle ist ebenso zu erkennen. In diesem Fall enstand diese durch die weiträumige diagonale Handlungsweise des rechten Mittelfeldspielers(Lemina) welcher sich zusätzlich zur Flankenabnahme am nahen Pfosten positionierte.

Positionsrochaden und dynamisch überzahlkreierende Situationen werden von der offensiven Dreierreihe und dem Sturmtank Gignac kohärent aufeinander abgestimmt.
Beispielsweise lässt sich Payet tiefer fallen ( Positionell befreit von Gignac) um vor dem Defensivblock des Gegners die Zwischenräume anzuvisieren.
In diesen wird dann oft mit Ablagen gearbeitet.
Die druckvollen ,auf die gegenüberliegende Seite , ausgelegten horizontal Läufe der Außenspieler werden dabei genutzt um den Gegner zusammenzuziehen und zugleich auch schon die nächste(enorm wichtige!) Rochade auf dem ballfernen Flügel einzufädeln.
Diese ist sehr wichtig um die Dynamik des Angriffes ,durch ein direktes Sichtfeld zum gegnerischen Tor, beizubehalten und den Weg in die zentralen Zonen zu finden.
Durch die Wechselartigen Läufe und der zusätzlichen raumschaffenden Komponente des in die Tiefe orientierenden Außenverteidigers ,können sie hier eine sehr spezielle und günstige Ausgangslage vom Flügel aus kreieren.

Raumschaffende Elemente sind dabei ebenso häufig in den Halbräumen vorzufinden.
Diese werden mittels aggresivem gegnerziehenden Überkreuzen eingeleitet. Die oft aufkommende wechselnde eingerückte Stellung der Außenspieler zu Saisonbeginn war dabei nicht immer optimal aufeinander abgestimmt ,da sich oft die Passwinkel und Verbindungen nicht effektiv gestalteten und zu isolierenden Endpositionen führten.
In diesen Bewegungen , die auch oft vom vertikal direkt ausgerichteten Ayew ausgingen, wird auch ein großer Fokus auf die nachschiebenden Rückraumpositionierungen gelegt.
Insbesondere Payet ,welcher sich nicht nur unterstützend auf die Flügel bewegt, kann durch seine bogenförmigen Fallbewegungen die zum Strafraum führenden Strukturen anvisieren.
Eine verbesserte Gegenpressingausgangslage und der überraschende Faktor, eine zusätzliche Option aus einer tiefen Lage aufzubieten, sind die positiven Folgen.
Auch Gignac erhält durch seine Positionierung in den äußeren Schnittstellen und seiner Ballverteilung mit dem Rücken zum Tor eine wichtige Aufgabe um die Dynamik der Angriffe hochzuhalten.
Dadurch agiert er nicht nur starr auf einer vertikalen Ebene sondern auch diagonal/seitlich nach hinten fallend und raumöffnend was eine offensive Flexibilität und eine schwerere Zuordnung für den Gegner bedeutet.

Verzicht auf die unmittelbare Kontrolle im Sechserraum

Im Spielaufbau findet sich zumeist Imbula oder Lemina alleine vor dem gegnerischen Defensivblock wieder.
Der Fokus wird dabei oft auf die höheren seitlichen Zonen gelegt.
Aus diesen heraus versuchen sie dann den Weg in den freigezogenen Zehnerraum oder ,über den Rückpass auf Imbula, in den Achterraum zu gehen.
Dabei bedienen sie sich an Gegnerbindenden und Raumöffnenden Elementen ,um dem eigenen Außenspieler den Freiraum zur zentralen Drehung zu gewährleisten.
Im Zentrum agiert Lemina machmal mit diagonalen , raumschaffenden Läufen um die direkte Passmöglichkeit auf Außen zu ermöglichen.
Er agiert dabei generell deutlich weiträumiger und zuarbeitender in der Aufbauphase als sein zentraler ausgerichteter Nebenmann.
Oft lässt er sich ,nach einer Verweildauer, aus höheren Zwischenräumen nach hinten fallen wobei er dann eine dominante und richtungangebende Rolle im Passspiel einnimmt.
Auch eine eher Pressing provozierende tiefe Positionierung von Imbula und der Innenverteidiger, kommt im Spielaufbau vor. Hierbei findet sich Imbula dann zumeist bedrängt ,mit dem eigenen Sichtfeld zum Tor, in der eigenen Hälfte wieder.
Dank seiner Physis und Technik kann er sich jedoch auch aus solchen Situationen befreien und die geöffneten Zwischenräume des Gegners anvisieren.

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Der eigene ballnahe Aussenverteidger bleibt tief um den gegnerischen Flügelspieler zu binden( roter Kreis).
Eine Ebene höher agiert Gignac nach Außen ausweichend um das Herausrücken des gegnerischen Außenverteidigers zu unterbinden(blauer Kreis). Somit kann sich Thauvin ungestört in einen relativ großen Raum begeben und in ein günstiges Sichtfeld hineindrehen.
Das typische Abkippen in tiefere Feldbereiche von Payet( schwarzer Kreis) ist ebenso zu erkennen.

Mögliche individuelle Fehler fallen jedoch auch eben aufgrund der früh genutzten vertikalen Raumstreckung und der fehlenden unmittelbaren Kompaktheit im Sechserbereich größer aus.
Dies war beispielsweise auch beim Gegentor gegen Bourdeaux der Fall.

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Die hohen Aussenverteidiger(schwarze Kreise) und die hohen Flügelspieler(weiße Kreise) strecken das Spielfeld in Breite und Tiefe.
Bei einem erfolgreichen Ausspielen aus der Flügelzone wäre viel Raum für Payet zur Verfügung gewesen (rotes Rechteck). In diesem Fall rächte sich jedoch die hohe Ausgangslage und das überambitionierte Bestreben zum Torschuss zu kommen.

Fazit

Da diese Mannschaftsanalyse sich auf eher ältere Spiele Marseilles bezieht(um Oktober und Ende November herum) leidet vermutlich die Aktualität bei vielleicht vorgenommenen Anpassungen im Mannschafts- und Gruppentaktischen.
Abschließend muss man sagen dass Bielsa eine solide Basis für die weitere Verbesserung (spezifisch im Gruppentaktischen geschaffen hat )die an die schon vorhandenen grundlegenden Prinzipien im Spiel mit und gegen den Ball angeschlossen werden können. Auch die Rollenverteilung der Spieler erwies sich als individuell sehr passend und gut in das Gesamtkollektiv einfügend womit beispielsweise auch Spieler verschiedene Spieler(Gignac, Thauvin,Payet) ihre persönlichen Statistiken im Bezug auf Vorlagen und Tore verbessern konnten.

Spezielles Dankeschön an NP für sein Korrekturlesen und Kreieren der Mannschaftsgraphiken!

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.
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Ein Kommentar

  1. Danke für die Analyse! Bielsa ist ein richtiger Taktikfuchs -weit unterschätzt der gute Mann!

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